«Der Messias»: Ein Koloss wie sein Schöpfer

Oratorienchor und Sinfonieorchester haben am 156. Palmsonntagskonzert in St. Laurenzen den «Messias» von Händel aufgeführt.

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Händels Oratorium «Der Messias» entspricht den Massen seines Schöpfers. In zwei Stunden erzählt die Tour de Force weniger die Christus-Geschichte als den prophetischen Kommentar. Jüdisches und Christliches, Katholisches und Reformatorisches stehen nebeneinander und finden im persönlichen Bekenntnis eine gemeinsame Wurzel. Das Werk beginnt mit den Worten «tröstet euch», Worte, die Händel, nach einem Schlaganfall halb gelähmt, aus dem Herz sprechen. Er soll den «Messias», inklusive Chöre, Rezitative, Solo-Arien und Orchesterstimmen, in nur 24 Tagen wie im Rausch vollendet haben. Beim Komponieren sei der Koloss in Riesenschritten und tanzend durchs Zimmer gegangen.

Ausdauer nötig

In der Interpretation von Oratorienchor und Sinfonieorchester St. Gallen ist das Riesenhafte spürbar. Unter der Leitung von Uwe Münch tanzt das Orchester elektrisierend und in voller Montur und fordert mit forcierten Taktschlägen und langsamen Tempi einige Ausdauer. In der überakustischen Kirche St. Laurenzen irritiert die Ouverture mit romantischem Klangfirnis, asynchroner Punktierung und grossen Melodiebögen, die sich um historisch-barocke Interpretation zu foutieren scheinen. Vielleicht fehlen dieser Interpretation Leichtigkeit und Präzision, das Leuchten der Orgel, die Musikalität der englischen Sprache. Oder sie verteidigt, bestärkt durch Mozarts «klassische» Bearbeitung, Händel gegen seine Barock-Fans.

Gepflegt und dynamisch

Das Orchester glänzt oft durch klangliche Tiefe und schön phrasiertes Spiel: Zum Beispiel im Oktavsprung des Lamm-Chors (Johannes 1,29), in der Nachahmung zerstreuter Schafe (Jesaja 53, 4-6), im Dialog mit dem Sopran (Jesaja 52,7). Der Chorklang ist, abgesehen von Intonationstrübungen, gepflegt und dynamisch. Mühelos gelingen komplizierte Fugen und Melismen. Tanja Schun (Sopran) bezaubert durch Innigkeit und glockenklares Strahlen, Susanne Gritschneder (Alt) durch Geschmeidigkeit und spannungsvolle Empathie. Michael Dries (Bass) singt mit Verve, bravourös gelingt die Heiden-Arie. Beeindruckend auch, wie Dominik Wortig (Tenor) tausend Verzierungen meistert und gekonnt die Kopfstimme einsetzt.

Mit dem «Messias» schrieb Händel – zweifellos einer der raffiniertesten Komponisten – sein berühmtestes Werk. Es lässt gerade durch seine Beständigkeit viele Interpretationen zu.

Charles Uzor

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