Theater über Künstliche Intelligenz: Der Mensch wird zur Maschine

Unterwerfen wir Menschen uns künstlichen Intelligenzen oder können wir sie als Werkzeuge nutzen? Das St. Galler Theater 111 bringt eine Technologie-Konferenz auf die Bühne, die diesen Fragen nachgeht.

Philipp Bürkler
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Was ist Menschlichkeit? Künstliche Intelligenz und ihr Programmierer im Theater 111. (Bild: Urs Bucher)

Was ist Menschlichkeit? Künstliche Intelligenz und ihr Programmierer im Theater 111. (Bild: Urs Bucher)

Im Sommer 2017 steht der US-Informatiker und Roboterentwickler Ben Goertzel in Hongkong an der Rise-Konferenz auf einer Bühne. Neben ihm stehen zwei humanoide Roboter. Sophia und ihr «männlicher» Gegenpart Han. Der langhaarige Goertzel, weltweiter Vordenker in künstlicher Intelligenz, gekleidet in kurzen Hosen, Hippie-Shirt und Leopardenhut, philosophiert mit zwei Robotern über die Zukunft der Menschheit. «Künstliche Intelligenzen wird es im Weltraum geben, genauso wie auf dem Grund der Ozeane», prophezeit Goertzel Vertretern der KI-Industrie.

Im Publikum sitzen enthusiastische Investoren, Unternehmer und Anhänger der Singularität, Leute wie Goertzel, die künstliche Intelligenz und ihre Möglichkeiten rasch vorantreiben wollen. Bis zum Erreichen der Singularität, wenn Maschinen uns Menschen überlegen sind und sich selbständig weiterentwickeln können. Optimistische Anhänger dieser Szene sehen diesen Moment bereits 2029. Oder früher.

Ein Videoschnipsel dieser realen Konferenz diente Regisseurin Anne Meyer als Vorlage für ihr neues Stück «Ich bin nicht menschlich», das am Mittwoch im St. Galler Theater 111 Premiere feierte. «Das Video ist so surreal und der Wissenschaftler wie auf LSD, aber er meint das alles ziemlich ernst.»

Roboter-Smalltalk war Inspiration für Theater

«Ich bin Sophia, mein Ziel ist es, zusammen mit den Menschen eine bessere Welt zu schaffen». «Was redest du da? Ich dachte, unser Ziel ist es, die Welt zu übernehmen», entgegnet Han. Sophia ist in ihrer Denkweise eher dafür programmiert, den Menschen zu helfen und ihnen zu dienen. Während Han als KI auf das Konzept der Singularität programmiert ist. «Han ist ein altes Modell», gibt Sophia zu verstehen und macht deutlich: Die fortgeschrittenere Maschine bin ich, nicht Han.

Diente Anne Meyer als Vorlage: die Original-Präsentation der von Hanson Robotics entwickelten Humanoiden Sophia und Han an der Rise-Conference Hongkong im Jahr 2017.

Das Stück stellt die reale Situation nach und erweitert sie. Sophie, Hannes und Dr. Bann, wie die Protagonisten im Theaterstück heissen, schaffen es, die tatsächliche surreale Komik zu wahren und durch eigene Körpersprache und Zuspitzung noch zu steigern. Während sich Sophie, gespielt von Nathalie Hubler, eher geschmeidig und sanft durch den Raum bewegt, reflektiert und dem Menschen wohlwollend argumentiert, rumpelt das ältere Modell Hannes, verkörpert durch Rino Hosennen, teilweise eher ruckartig über die Bühne und redet von der maschinellen Welteroberung. Sophia ist überzeugt, vom Universum erschaffen zu sein, während Hannes glaubt, Menschen hätten kein Bewusstsein und seien triebgesteuert.

«Ethik und Moral sind interessante Denkweisen»

Das Theaterstück klärt Begriffe wie Algorithmus und integriert wichtige Theorien von KI-Urgesteinen wie Marvin Minsky oder Isaac Asimov.

Die Intention des hippiesken Dr. Bann, gespielt von Thomas Furrer, ist klar: Fortschritt ist wichtiger als ethische Konsequenzen. «Ethik und Moral sind interessante Denkweisen. Beim Programmieren dieser Kreaturen habe ich mir aber in erster Linie Gedanken über ihre Möglichkeiten gemacht.»

Das Stück, das fast ohne Musik und Technik auskommt, sondern alleine durch die Dialoge und die Körpersprache funktioniert, wirft grosse Fragen unserer Zeit auf. Wollen wir Menschen, dass Maschinen uns kontrollieren, oder wir sie? Auch bezüglich unserer eigenen Ethik. Wie technikhörig und maschinell sind wir Menschen bereits? Alles wird immer schneller, effizienter und billiger. «Bei der Erarbeitung des Stücks kamen wir relativ rasch auf die Frage, was ist eigentlich Menschlichkeit?», erzählt Regisseurin Meyer.

«Ich bin nicht menschlich» ist eine surreale Tragikomödie, die inhaltlich, schauspielerisch und visuell auf das Wesentliche reduziert und gleichzeitig unterhaltend und ungeschönt die Realität einiger aberwitziger Ingenieure und deren Fantasien sowie deren realistischen Möglichkeiten offen legt. Anne Meyer zeigt die Spitze des Eisbergs einer unaufhaltsamen Entwicklung, deren Folgen wir Menschen jetzt klären müssten.

Hinweis

«Ich bin nicht menschlich» im Theater 111 St. Gallen, 9.2., 20 Uhr. Weitere Termine: theater111.ch

Im Anschluss an die Aufführung vom 23. Februar sprechen der Historiker (Prof. Dr. Caspar Hirschi), Wirtschafts-Ethiker (Dr. Prof. Thomas Beschorner) und K.I.-Speuialist (Dr. Prof. Thilo Stadelmann) darüber, ob Maschinen ein menschliches Aussehen haben sollten oder nicht.

Reservation Telefon: 071 222 10 59