Der Mensch ist mittendrin: Moritz Hossli lässt im Kunstraum Kreuzlingen mythische Landschaften lebendig werden

Der Wald in Blau und Grau, der mächtige Gletscher wie ein Patient mit Tüchern abgedeckt: Mit seinen verfremdeten Filmaufnahmen lotet Künstler Moritz Hossli im Kunstraum Kreuzlingen den schmalen Grat zwischen Idylle und Unbehagen aus.

Kristin Schmidt
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Moritz Hossli verfremdete die Filmaufnahmen des Waldes.

Moritz Hossli verfremdete die Filmaufnahmen des Waldes.

Bild: Andrea Stalder

Je tiefer der Wald, desto grösser das Geheimnis. Wenn die Bäume dicht an dicht stehen, wenn das Blätterwerk kaum noch Sonnenlicht hindurchlässt, wenn das Unterholz immer undurchdringlicher wird – dann scheint die Zivilisation fern und die Natur nah. Und nicht nur sie: Der tiefe Wald ist voller Mythen. Er birgt Sagengestalten, Irrlichter und Fabelwesen.

All die romantischen, märchenhaften, schaurigen Geschichten trägt der Wald mit sich – auch Moritz Hossli entkommt ihnen nicht. Der Obwaldner Künstler, der auch in Luzern und Berlin zu Hause ist, hat den Wald gefilmt. Die Aufnahmen hat er verfremdet und mit Ton unterlegt. Das Ergebnis ist im Kunstraum Kreuzlingen als riesige 3D-Projektion zu sehen. Die Farben von Gestrüpp und Bäumen sind reduziert auf Blau und Grau, der Himmel hinter ihnen ist schwarz.

Moritz Hossli spielt in seinen Videoarbeiten mit Technik und Illusion.

Moritz Hossli spielt in seinen Videoarbeiten mit Technik und Illusion.

Bild: Andrea Stalder

Die Kamerafahrt geht unter den Ästen hindurch, um die Stämme herum, sie neigt sich mal zur einen, mal zur anderen Seite. Dank der dreidimensionalen Effekte scheinen Zweige und Blätter zum Greifen nah – und doch bleibt alles zweidimensional und auf die Projektionswand begrenzt, das Bild verlässt die Fläche nicht.

Künstler Moritz Hossli

Künstler Moritz Hossli

Bild: Andrea Stalder

Hossli spielt mit der Technik und der Illusion. Auch der Ton trägt seinen Teil dazu bei. Das Rezept dafür ist altbekannt: Kaum grollt, knarzt und dröhnt es, kippt die Atmosphäre ins Bedrohliche. Säuselt es, erscheint die Szenerie näher an Dornröschens Rosenhecke als am Lebkuchenhaus und den verlorenen Kindern. Der Künstler lotet den schmalen Grat zwischen Idylle und Unbehagen aus und fügt sich dabei in die lange Reihe derer, denen der Wald unerschöpfliche künstlerische und literarische Anregungen bot.

Prächtige Naturerscheinung wird Patient

Auch die Eisfelder der Alpen waren Anlass mancher Bildschöpfungen. Allerdings sind Ehrfurcht und Faszination von einst heute der Sorge gewichen. So liess sich Moritz Hossli von dem Gelübde der Bewohnerinnen und Bewohner zweier Walliser Gemeinden inspirieren: Vor mehr als 300 Jahren begannen sie, mit päpstlicher Erlaubnis gegen das Wachstum des Aletschgletschers zu beten. Seit 2010 dürfen sie mit vatikanischer Zustimmung um das Gegenteil bitten, auf dass der Gletscher nicht verschwinde: Er ist nicht nur ein ökologischer Faktor, sondern auch Wahrzeichen und Touristenattraktion.

Beten für den Erhalt des Gletschers: Videoarbeit «Periglazial» von Moritz Hossli.

Beten für den Erhalt des Gletschers: Videoarbeit «Periglazial» von Moritz Hossli.

Bild: Andrea Stalder

Die geänderten Zeiten lassen sich in der Arbeit Hosslis deutlich ablesen. Im Untergeschoss des Kunstraumes zeigt der Künstler eine Zweikanal-Videoinstallation. Mit einem Drohnenflug hat er den Gletscher gefilmt und nicht nur das Eis dokumentiert, sondern vor allem auch die riesigen Stoffbahnen, die zu dessen Schutz ausgelegt worden sind. Es ist das Bild einer Paradoxie: Die Produktion und Installation der Tücher gehören zu jenen Techniken, derentwegen die Gletscher schmelzen. Und der Mensch ist immer mittendrin. Bei Hossli ist er mit einer Wärmebildkamera aufgenommen als fast schon überdeutlicher Verweis auf den menschlichen Einfluss auf das Klima.

Moritz Hossli hat in «Periglazial» die Menschen mit Wärmebildkamera aufgenommen als fast schon überdeutlichen Verweis auf den menschlichen Einfluss auf das Klima.

Moritz Hossli hat in «Periglazial» die Menschen mit Wärmebildkamera aufgenommen als fast schon überdeutlichen Verweis auf den menschlichen Einfluss auf das Klima.

Bild: Andrea Stalder

Aber «Periglazial» hat nicht nur ökologische Bezüge. Auch in der Kunstgeschichte ist das Werk fest verankert. Die Faltenwürfe der Vliese erinnern an die Faltenkaskaden der Gotik ebenso wie an barocke Draperien. Die Risse der Tücher hingegen muten wie Wunden an und führen inhaltlich zum Gletscher zurück: Er ist von der mächtigen Naturerscheinung zum Patienten geworden.

Moritz Hossli: «duett», «Periglazial», bis 12.Juli 2020, Kunstraum Kreuzlingen