Der Mensch im Kampf gegen die Inselnatur

Bei gutem Wetter kann Thomas Coraghessan Boyle die Inselgruppe von seinem Haus aus sehen. Die kleine Vulkaninsel Anacapa und ihre Nachbarinsel Santa Cruz inspirierten ihn bereits zu seinem Roman «Wenn das Schlachten vorbei ist», einer launigen Abrechnung mit fanatischen Tierschützern.

Florian Weiland
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T. C. Boyle: San Miguel, Hanser 2013, 448 S., Fr. 32.90

T. C. Boyle: San Miguel, Hanser 2013, 448 S., Fr. 32.90

Bei gutem Wetter kann Thomas Coraghessan Boyle die Inselgruppe von seinem Haus aus sehen. Die kleine Vulkaninsel Anacapa und ihre Nachbarinsel Santa Cruz inspirierten ihn bereits zu seinem Roman «Wenn das Schlachten vorbei ist», einer launigen Abrechnung mit fanatischen Tierschützern. Ein lesenswertes Buch und ein Stück Heimatkunde der besonderen Art. Und nun also San Miguel. Auch diese Insel liegt vor der Küste Santa Barbaras – und auch über sie gibt es viele Geschichten zu erzählen.

Bomben im Naturschutzgebiet

San Miguel Island ist dreizehn Kilometer lang und bis zu sechs Kilometer breit. Ein schroffer Felsen im Meer, windumtost. Eine Insel «so einsam, dass man am liebsten sterben würde». Und dennoch: Indianer lebten hier, später kamen die Spanier und noch später die Viehzüchter mit ihren Schafherden, die der ohnehin schon kargen Vegetation den Rest gaben. Es wächst kein Baum, kaum ein Strauch. Die Navy nutzte die Kanalinsel als Testgelände für Bombenabwürfe. Heute ist San Miguel Naturschutzgebiet.

Boyle konzentriert die Handlung auf drei Frauen, die zeitweise auf der Insel leben. Der Aufbau des Romans, der sich an historischen Fakten orientiert, erinnert damit ein wenig an seinen Frank-Lloyd-Wright-Roman «Die Frauen». Dort hat es funktioniert, hier nur mit Einschränkungen.

Eintönigkeit des Lebens

Die Handlung ist in den 1880/90er- und in den 1930/40er-Jahren angesiedelt – und zerfällt in zwei voneinander unabhängige Teile. Das ist eine Schwäche des Romans, doch der Leser entdeckt Parallelen und Gegensätze. Los geht es mit dem Bürgerkriegsveteran Will Waters, der mit seiner Frau Marantha auf die Insel zieht. Das unbarmherzige Klima und die unendliche Eintönigkeit des Lebens auf San Miguel setzt seiner an Schwindsucht erkrankten Frau zu. «Das Verstreichen der Tage glich dem Verfaulen einer Frucht.» Das Wetter ist schlecht, die Konflikte nehmen zu. Die Insel wird für Marantha «die verkörperte Ursache all ihrer Plagen». Eindringlich und meisterhaft schildert Boyle den körperlichen Verfall Maranthas.

Der zweite Teil ist aus der Perspektive von Maranthas Adoptivtochter Edith geschrieben. Sie hat nur ein Ziel: der Insel und ihrem tyrannischen Vater entkommen, um Schauspielerin zu werden. Dann der Bruch und ein Sprung in die 1930er-Jahre. Im dritten Teil, der für Boyles Verhältnisse ungewohnt ernst gehalten ist, begleiten wir Herbie und Elise Lester auf die Insel. Die rauhen Lebensbedingungen haben sich nicht geändert, doch das junge Paar geht mit grossem Enthusiasmus ans Werk. Anders als Marantha und Edith fühlt sich Elise, zumindest solange es ihrem Mann gutgeht, auf San Miguel wohl. Sie ist die Königin der Insel, die Herrin ihres eigenen, abgeschirmten kleinen Königreichs. Doch spätestens als ein Zeitungsartikel das junge Paar, das inzwischen Nachwuchs bekommen hat, für seinen Pioniergeist feiert, ist es vorbei mit der Ruhe. Der etwas einfältige Jimmie ist eine der wenigen Figuren, die in beiden Teilen auftreten. Doch er bleibt eine blasse Figur. Edith nennt ihn, angelehnt an Shakespeares Inseldrama «Der Sturm», Caliban und nutzt seine Gutmütigkeit schamlos aus.

Harter Überlebenskampf

Der Mensch im Kampf gegen die unwirtliche Natur ist das eigentliche Hauptthema des Romans, der in seinen besten Partien an Knut Hamsuns «Segen der Erde» heranreicht. Boyles Protagonisten sind auf sich alleine gestellt – das Festland ist eine achtstündige Schifffahrt entfernt. Der Kampf ums Überleben ist hart, Langeweile und Routine unerträglich. «Die Tage flossen ineinander, jeder dauerte ewig, jeder war wie die anderen.» Die unwirtliche Insel stellt die beiden Familien vor immer neue Herausforderungen, auf die sie unterschiedlich reagieren. Der typisch amerikanische Traum von grenzenloser Freiheit findet kein Happy End, sondern stösst auf San Miguel immer wieder an seine Grenzen.

T. C. Boyle (Bild: ky/apa/Robert Jäger)

T. C. Boyle (Bild: ky/apa/Robert Jäger)

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