Der Mensch geht über Leichen

Peer Gynt als moderner, menschenverachtender Mensch: Das Landestheater Vorarlberg beweist in seiner Inszenierung, dass Henrik Ibsens Menschenbild aus dem 19. Jahrhundert zeitlos ist. Helmut Voith

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Ein menschliches Drama: Peer Gynt. (Bild: pd)

Ein menschliches Drama: Peer Gynt. (Bild: pd)

Vier Stunden liegen zwischen der starken Auftaktszene, in der Mutter Aase wieder einmal dem Charme ihres als Taugenichts herumstromernden Heimkehrers Peer Gynt verfällt, und der bewegenden Schlussszene mit Solveig, die ein Leben lang auf ihn gewartet hat und nun den Sterbenden zärtlich umfängt. Intendant Alexander Kubelka selbst hat das nordische Versepos am Vorarlberger Landestheater inszeniert. In starken Bildern, mit sehr atmosphärischer, suggestiver Livemusik von Boris Fiala und Andreas Hamza und in einem kongenialen, wenngleich beim Umbau auch problematischen Bühnenbild.

Bekannte Architekten (Cukrowicz/Nachbaur Architekten) haben die grossen, schweren Holzschalen entworfen, die sich zur Halbkuppel fügen oder als gefährlich schmaler Grat, als Hütte, als im Sturm schwankende Kähne mitspielen – minimalistische Andeutung der jeweiligen Szenerie, aber mächtig in der Bildsprache.

Grenzenloser Egoist

Das Werk wird überhöht. Peer Gynt wurde oft als der nordische Faust bezeichnet, doch im Gegensatz zur Faust-Figur will er, der grenzenlose Egoist, nur sich selbst genügen. Für seine Mitmenschen ist er ein Ekel. Einzig die Mutter (Andrea Wolf) und Solveig (Alexandra-Maria Nutz) ahnen, dass er einen Kern besitzt, der ihn wertvoll machen könnte. Sie glauben an ihn, er aber nicht an sich.

In Bregenz wird Peer Gynt zum Bild des modernen, menschenverachtenden Menschen, der über Leichen geht, um selbst oben zu bleiben. Was Henrik Ibsen am 19. Jahrhundert geisselt, lässt sich in unsere Zeit übertragen – Kubelka hat auf direkte Umsetzung verzichtet und so die Allgemeingültigkeit stärker herausgehoben.

Stille, zärtliche Bilder

Rund um den sehr präsenten Alexander Julian Meile in der Titelrolle hat er wilde, groteske, aber ebenso stille und zärtliche Bilder geschaffen, und dennoch fragt man sich, ob eine Figur wie diese heute den Aufwand lohnt, denn von Veränderung ist wenig zu spüren – sehr wenig.

Weitere Vorstellungen in Bregenz am 2., 6., 21. und 24.4.11, Beginn jeweils um 19.30 Uhr. www.landestheater.org

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