Der Mensch, das Stachelschwein

Zu seiner Zeit ist der Philosoph Arthur Schopenhauer wenig beachtet worden. Mit umso grösserer Intensität hat er seine Gedanken festgehalten. Der St. Galler Ernst Ziegler hat nun einen weiteren Band dieser Notizen veröffentlicht.

Rolf App
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Ernst Ziegler Ehemaliger Stadtarchivar und Schopenhauer-Herausgeber (Bild: Ralph Ribi)

Ernst Ziegler Ehemaliger Stadtarchivar und Schopenhauer-Herausgeber (Bild: Ralph Ribi)

Er steht quer zu seiner Zeit, die auf tätigen Optimismus getrimmt ist – und ist vielleicht gerade deshalb ein Mann für heute. Arthur Schopenhauer, geboren 1788 in Danzig als Sohn eines Kaufmanns und gestorben 1860 in Frankfurt am Main, schreibt mit dem Geld des früh verstorbenen Vaters zwischen 1814 und 1818 sein Hauptwerk – «Die Welt als Wille und Vorstellung» – und wird lange, sehr lange ignoriert. Was ihn zwar verletzt, aber nicht vom Weg abzubringen vermag. Beharrlich beobachtet der Philosoph seine Zeit, macht sich Gedanken, und schreibt sie nieder.

Mühselige Kleinarbeit

Was da an Wertvollem schlummert, das macht der ehemalige St. Galler Stadtarchivar Ernst Ziegler in mühseliger Kleinarbeit zugänglich. Schon zwei Bände aus Schopenhauers handschriftlichem Nachlass hat er im C.H.Beck-Verlag publiziert («Senilia» und Spicilegia»), jetzt ist mit «Pandectae» der dritte erschienen. Mit den «Cogitata» und dem «Cholerabuch» ist eine Fortsetzung bereits in Sicht.

Ziegler zitiert Schopenhauer selbst mit den Worten: «Meine Werke bestehen aus lauter Aufsätzen». Hier findet man diese Aufsätze mal länger, mal zu knappen Bemerkungen geronnen. Die Rechtschreibung handhabt der Philosoph dabei so eigenwillig, wie er Gedanken formuliert. Vor allem den einen: Dass im Menschen, dessen «erkennendes Ich» mit dem Tode endet, ein unzerstörbarer ewiger Wille wirkt.

Was den Menschen antreibt

Denn was den Menschen ein «Daseyn voller Noth, Plage, Schmerz, Angst und Langerweile» ertragen lässt, ist nach Schopenhauer «eine instinktmässige, unvernünftige Lebenslust, Lebensmuth, eben das, was die Pflanze wachsen macht: Diese lässt ihn, allen Leiden und Plagen zum Trotz, sein Leben fortsetzen: Es ist der gefühlte Sieg seines Willens über die seinen Leib ausmachende Materie.» Dieser Wille existiert, bevor der Mensch darüber nachdenkt. Mehr noch: Der Wille zum Leben finde sich nicht in Folge der Welt ein, sondern es verhalte sich gerade umgekehrt: Die Welt finde sich in Folge des Willens zum Leben ein. «Dies ist der Hauptpunkt meiner Lehre.»

Das wollende Wesen

Seit Descartes begreift sich der Mensch zuallererst als denkendes Wesen. Schopenhauer beschreibt ihn nun als «ein wollendes, und dadurch ein treibendes, schaffendes, organisierendes». Was er auch im bewusstlosen Zustand fortsetzt. So führt Schopenhauer denn den tiefen Schlaf als Beleg für seine Theorie an, die im Grundsätzlichen den Menschen mit dem Tier und sogar den Pflanzen auf dieselbe Stufe stellt. Denn Tiere wollen ebenso heftig wie der Mensch, obschon sie nicht über seine Erkenntnisfähigkeit verfügen. Und während der Intellekt durchaus unvollkommen bleibt, haftet diesem Willen etwas Ursprüngliches, Vollkommenes an. «Das Neugeborene zeigt sogleich sein entschiedenstes Wollen.»

Dass Gedanken wenig Anerkennung finden, führt Arthur Schopenhauer auf zweierlei zurück: Auf eine philosophische Umwelt, die ganz anderes vertritt, und auf ein Volk, das auf sie hört. Beide trifft sein Bannstrahl. Der wahre Nationalcharakter der Deutschen sei Schwerfälligkeit, erklärt er. Deshalb liessen sich die Leute von einem «ganz gemeinen, ganz plumpen Scharlatan, wie Hegel, sich einen Komplex von 3/4 baarem Unsinn und 1/4 korrupten Einfällen» aufbinden. «Für ein solches Zeitalter schreibe ich nicht.» Denn es ist ein Zeitalter, in dem besoldete Professoren «mit ihrem Dareinreden und ihren ungewaschenen Einfällen» der Philosophie mehr Schaden zufügen, als sie Nutzen bringen.

Der Tod löst den Knoten

Schopenhauer zählt nicht auf seine Zeitgenossen. Statt dessen sammelt er Belege. Wirft Blicke auf fernöstliche Lehren und unterzieht die monotheistischen Religionen einer Fundamentalkritik. Denn wenn es einen Schöpfer gibt, wird vom Menschen alle Verantwortlichkeit genommen.

Der Tod aber «ist die schmerzliche Lösung des Knotens, den die Zeugung mit Wollust geschürzt hatte, und die von Aussen eindringende gewaltsame Zerstörung des Grundirrtums unseres Wesens».

Ein Gefühl der Leere

Die Gesellschaft vergleicht Schopenhauer mit einer Horde von Stachelschweinen, die an einem Wintertag zusammenrücken, bald aber wegen der Stacheln auf Distanz gehen. So treibe das Gefühl der Leere und Monotonie ihres eigenen Innern die Menschen zusammen, «aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stossen sie wieder voneinander ab». Und die passable mittlere Distanz, das sei die Höflichkeit und feine Sitte.

Arthur Schopenhauer: Pandectae – Philosophische Notizen aus dem Nachlass, Hg. Ernst Ziegler, C.H.Beck 2016, 572 S., Fr. 43.–

Eigenwillig ist nicht nur die Frisur: Der Philosoph Arthur Schopenhauer im Jahr 1852. (Bild: Jacob Seib#Seib)

Eigenwillig ist nicht nur die Frisur: Der Philosoph Arthur Schopenhauer im Jahr 1852. (Bild: Jacob Seib#Seib)