Der Mann fürs pralle Leben

Sechs gute Gründe, warum Shakespeare einer der meistgespielten und einer der grössten Dramatiker der Welt ist. Und warum er es bleiben wird, solange Menschen zusammenleben und damit ihre Schwierigkeiten haben.

Valeria Heintges
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Glauben Sie mir, ich habe schon viele Shakespeare-Stücke gesehen. Glauben Sie mir aber bitte auch: Ich freue mich immer noch jedesmal, wenn wieder eines auf dem Programm steht. Denn Shakespeare ist einer der Grössten, und er wird es immer bleiben. Dafür gibt es sechs gute Gründe – mindestens.

1

Shakespeare

kennt die Menschen

William Shakespeare schrieb nicht Kopfgeburten oder aus einem moralischen Impetus heraus. Er schuf Menschen voller Sehnsüchte, Abneigungen, Stärken und Schwächen. Sie lachen und weinen, sie fluchen, streiten und beten. Es sind Charaktere, denen man auch heute noch auf der Strasse begegnen könnte. Denn die Beweggründe für ihr Handeln – Liebe, Hass, Neid, Eifersucht, Ehrgeiz – sind nicht an Länder oder Jahrhunderte gebunden. Sie sind zeitlos. Und damit immer modern.

2

Shakespeare

kennt das Leben

Diese lebensprallen und kraftvollen Menschen verwickelt Shakespeare in ein kompliziertes Netz von Beziehungen. Sie sind Eheleute oder Liebende, manchmal beides. Sie sind Freunde oder Feinde, Geschäftspartner oder Konkurrenten. Jago hasst Othello, weil der ihn nicht befördert. Zu allem Überfluss ist Othello Ausländer! Jago rächt sich, indem er Othello an seinem schwächsten Punkt trifft: An der Liebe zu seiner Ehefrau Desdemona. Tragödie, nimm deinen Lauf! Oder «Romeo und Julia»: Das Werk funktioniert auf der ganzen Welt dort, wo sich zwei Lager feindselig gegenüberstehen – so lange schon, dass sie vergessen haben, warum sie sich streiten. Das können Palästinenser und Israeli im Nahen Osten sein oder Hutu und Tutsi in Ruanda. Das können verfeindete Ölclans wie in Baz Luhrmanns Film sein oder Strassengangs in New York wie im Musical «West Side Story». Oder «Hamlet»: Der weiss nicht, ob er den Mord am Vater rächen soll oder ob er sich irrt. Er zögert, bis er fast den Verstand verliert. Angela Winkler gab in der Regie von Grossmeister Peter Zadek diesen Hamlet wie einen aus dem Nest gefallenen Vogel, der durch eine Welt huscht, die er nicht versteht. Shakespeares Themen sind Urkonflikte, die die Menschen interessieren werden, solange sie zusammenleben und damit ihre Schwierigkeiten haben.

3

Shakespeare

war Schauspieler

Shakespeare war selbst Schauspieler. Deshalb sind seine Bühnenfiguren so lebendig und so glaubwürdig. Deshalb haben alle Schauspieler so viel Spass daran, sie zu spielen, dass sich in einer guten Aufführung diese Freude auf die Zuschauer überträgt. Deshalb schafft es Shakespeare, kantige Menschen auf kantige Menschen stossen zu lassen. Er als Schauspieler sah gar keinen Grund, diese Kanten zu glätten. Weil es eben viel mehr Spass macht, einen fiesen Mephisto zu verkörpern als einen langweiligen, braven Faust. Und weil es viel schöner ist, eine Nebenfigur zu geben, wenn die so grossartige Auftritte hat wie die Totengräber in «Hamlet», der Pförtner in «Macbeth» oder die dummen Handwerker im «Sommernachtstraum».

4

Shakespeare

ist stark

Shakespeare ist stark. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Regisseure können davon ein Liedchen singen. Vor allem die Regisseure, die an Shakespeare gescheitert sind. «Ich empfinde Shakespeare immer als eine Art Masterclass», sagte der isländische Regisseur Thorleifur Arnarsson vor seiner Inszenierung von «Othello» für das Theater St. Gallen, «bei diesem Autor muss man immer erst in den Stoff hineinfinden, und dann muss man dem Stoff erlauben, dass er einen führt.» Wer Arnarssons «Othello» oder «Romeo und Julia» gesehen hat, weiss: Das heisst nicht, dass man sich vom Grossmeister wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lassen muss. Mitnichten! Es heisst aber sehr wohl, dass man spüren und hören muss, was Shakespeare mit seinem Werk wollte. Erst dann kann man versuchen, durch geschickte – und schon rein zeitlich immer nötige – Kürzungen bestimmte Aspekte zu betonen oder zu schwächen. Aber wer Shakespeare vergewaltigen, gänzlich umdeuten will, wird scheitern. Denn der Dichter wehrt sich aus dem Grab heraus. Und er ist noch viel stärker, als manche Regisseure denken.

5

Shakespeare

liebt starke Partner

Doch der starke Shakespeare liebt auch starke Partner. Wer sich in dem Meisterwerk zu klein macht, wird eine der grundsoliden, aber auch grundlangweiligen Inszenierungen abliefern, die es von Shakespeare-Werken schon immer gegeben hat und immer geben wird. Wer ihm aber auf Augenhöhe begegnet, kann Grosses vollbringen. Shakespeare ist grosszügig genug, Regisseuren Raum für kreative Einfälle zu lassen, wenn sie schlüssig sind. Man denke an Karin Henkels «Viel Lärm um nichts» am Schauspielhaus Zürich. In der Komödie sah sie die Tragödie, liess völlig zerschundene Soldaten aus dem Krieg kommen – der steht im Shakespeare-Text. Sie lässt einen Mädchenchor das Alphabet aufführen und beim Verschwinden eines der Mädchen seinen Buchstaben nicht mehr sprechen. Das ist nicht Shakespeare – und doch ganz in seinem Geist. Und sie lässt am Ende die Paare nach all der Schinderei, Intrigiererei und Verwechslerei als emotionale Wracks aufeinandertreffen. Die junge Hero überlebt diese Wirren nicht – und stirbt vor der Hochzeit. Glückliche Paare zum Happy End gibt es nicht mehr. Mit dieser Lesart steht Karin Henkel nicht allein da: Bis in den Komödien der Knoten erst ver- und dann entwirrt ist, dauert es zuweilen endlos. Das ist für viele Regisseure nicht mehr witzig, sondern Beweis für die Brüchigkeit und die Überfrachtung der Liebe. Und das kommt nicht nur Psychologen sehr bekannt vor.

6

Shakespeare

sprach kein Deutsch

Nein, natürlich nicht, werden Sie sagen. Ja, und? Und viel: Denn weil Shakespeare Englisch schrieb, können wir ihn immer wieder neu übersetzen. Gehen Sie mal in eine Inszenierung, die sich mit einer kostenlosen Schlegel-Tieck-Übersetzung zufrieden gibt. Und danach in ein Theater, das sich eine Fassung von Thomas Brasch, Elisabeth Plessen oder Angela Schanelec leistet – der Unterschied ist gewaltig. Mit neuen Übersetzungen können wir Shakespeares Sprache in unsere Zeit holen. Diesen Vorteil haben Goethe und Schiller nicht. Auch das hat Shakespeare ihnen voraus.