Schweizer Literatur
In Mireille Zindels neuem Roman flüchtet sich der Mann in den Extremsport

«Die Zone» erzählt von einem professionellen Apnoetaucher, der vor seinem missratenen Leben und seiner Schuld abtauchen will. Psychostudie und Thriller - sprachlich dicht und mit Sogwirkung.

Hansruedi Kugler
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Mireille Zindel hat mit «Die Zone» einen poetischen Thriller geschrieben.

Mireille Zindel hat mit «Die Zone» einen poetischen Thriller geschrieben.

Männer, die vor dem Leben flüchten – sie sind Dauergast in der Gegenwartsliteratur. Anders als in Peter Stamms neuem Roman, wo sich der Protagonist im Rückzug aus dem Sozialen eine winzige, skurrile Ordnung schafft, ist der Mann in Mireille Zindels neuem Roman vordergründig ein Tatmensch, ein Abenteurer. Einer, der sich am extremen Gegenpol männlichen Fluchtverhaltens bewegt: Im Scheinwerferlicht eines Hochrisikosports – wo jeden Tag der Tod droht. Also weniger Stamm, mehr Hemingway.

Prickelnd und symbolisch ergiebige Szenerie des Extremtauchens

Das Apnoetauchen, das Tieftauchen ohne Sauerstoffflasche, bietet dafür eine prickelnde, ergiebige Szenerie, sowohl im Bildhaften wie im Symbolischen. Mireille Zindel bedient sich etwas überreich aus dieser Quelle: Da ist die schwarze Meerestiefe und das Wasser gleichzeitig Fruchtwasser und Urquelle der Evolution – wohin die unbewusste Sehnsucht der Hauptfigur Cyril geht. Ihn quälen mehrere dramatische Todesfälle in seiner Familie, der Suizid seiner ersten Frau und der Hass seiner geschiedenen zweiten Frau. Hat er vielleicht als Gynäkologe sogar den Tod seiner Tochter mitverschuldet? Das lässt die Autorin lange offen.

Der Protokollstil hält drohendes Pathos im Zaun

Zindel hat ein gutes Händchen, was das Verhältnis von Form und Inhalt betrifft. Klugerweise wählt sie nämlich einen nüchternen Protokollstil für den schicksalsgesättigten, spannenden Plot. Dieser Stil hält drohendes Pathos im Zaun. Allmählich erst steigert sie in einen harten, poetisch reizvollen, vorwärtstreibenden Staccato-Rhythmus, der dem immer stärkeren sexuellen Masochismus, der existenziellen Selbstquälerei eine bohrende Tiefe gibt.

«No limit», so heisst die Disziplin, in der sich die Hauptfigur Cyril mit ihrem Rivalen Renaud um immer neue Rekorde duelliert. 215 Meter hat Cyril geschafft, was dem Weltrekord des Österreichers Herbert Nitsch entspricht, der nach einem weiteren Rekordversuch jedoch 2012 schwer verunfallte. Psychostudie und Thriller sind hier sprachlich dicht gelungen.

Mireille Zindel: Die Zone. Roman. Lector Books, 192 S.

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