Der Mann, der in die Kälte muss

Das spannende wie lakonische Spionagedrama «Bridge of Spies» von Steven Spielberg handelt während des Kalten Kriegs und spielt sich vor Gericht ab. Vor allem aber an der deutsch-deutschen Grenze, wo gerade die Mauer entsteht.

Andreas Stock
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Wahrlich frostiges Klima im Kalten Krieg: Anwalt James Donovan (Tom Hanks) verhandelt zwischen Ost- und West-Berlin. (Bild: pd/Fox-Warner)

Wahrlich frostiges Klima im Kalten Krieg: Anwalt James Donovan (Tom Hanks) verhandelt zwischen Ost- und West-Berlin. (Bild: pd/Fox-Warner)

In den James-Bond-Abenteuern sind sie schon lange kein Thema mehr, die «bösen Russen». Wenn Steven Spielberg aber aus dem Kalten Krieg in den späten 1950er-Jahren erzählt, sind sie in Form von antikommunistischer Propaganda und der Angst vor einem atomaren Schlagabtausch omnipräsent. «Bridge of Spies» ist allerdings kein Spionagethriller in Bond-Manier, vielmehr ein spannendes, auf realen Ereignissen beruhendes Drama um Überzeugungen, den hohen Wert von Information und die Kunst des Verhandelns.

Zwei Männer, zwei Haltungen

Während des Kalten Kriegs standen sich zwei Weltanschauungen, Kulturen und Lebensweisen gegenüber. Spielberg schildert eingangs die damit verbundenen Ängste eindrücklich, und er stellt die divergierenden Welten anhand zweier Männer in New York gegenüber. Da ist der ursprünglich aus Irland stammende russische Maler Rudolf Abel. Ohne Worte wird sein einfaches, einsames Leben gezeigt – und dass er offensichtlich Teil geheimer Nachrichtenübermittlung ist. Und da ist der gut situierte Familienmensch und erfolgreiche Versicherungsanwalt James Donovan. Er wird damit eingeführt, wie er einem Gegenspieler wortreich dessen rechtlich eingeschränkten Möglichkeiten erläutert, was der als Wortklauberei abtun will.

Die zwei Männer werden sich schneller als ihnen lieb ist vor Gericht vereint sehen. Denn Abel wird vom FBI verhaftet und der Spionage angeklagt; Donovan muss seine Pflichtverteidigung übernehmen. Der Anwalt ist zwar wenig begeistert, schliesslich macht man sich in den USA keine Freunde, wenn man einen kommunistischen Spion verteidigt. Aber Donovan ist überzeugt davon, dass die Demokratie der USA auch den Feinden einen fairen Prozess mit einem guten Verteidiger garantieren muss.

Pointierte Dialoge

Der aufrechte Anwalt, der sich nun mit allen juristischen Möglichkeiten für seinen Mandanten einsetzt, ist eine Paraderolle für Tom Hanks. Donovan lebt mit Überzeugung jenen Spruch, der an der Fassade des Obersten Gerichts prangt: Dass die Justiz der stärkste Pfeiler einer demokratischen Regierung sei. Ihm gegenüber, mit ebenso festen Überzeugungen, Rudolf Abel, der sich weder für schuldig erklärt noch rechtfertigt. Der britische Theaterschauspieler Mark Rylance verkörpert den ebenfalls selbstbewussten und integren Charakter eindrücklich. Witzig, wie stoisch er reagiert, als ihm Donovan eröffnet, welche Konsequenzen eine Verurteilung haben könnte. «Haben Sie denn keine Angst?», fragt ihn sein Anwalt. «Würde es helfen?», fragt Abel trocken zurück. Überhaupt lebt das Drama von pointierten, klugen Dialogen, welche die Regiebrüder Joel und Ethan Coen sowie der britische Dramatiker Matt Charman den Protagonisten mit ihrem Drehbuch in den Mund legen.

«Bridge of Spies» besteht aber aus zwei Teilen. Nach dem ersten, worin der Prozess gegen Abel im Zentrum steht, folgt ein zweiter, dramatischerer Teil, der an der deutsch-deutschen Grenze handelt. Weil Donovan mit viel Geschick verteidigte, wird er von der Regierung mit einer weiteren heiklen Aufgabe betraut: Er soll mit den Russen den inoffiziellen Austausch von Abel mit einem in Gefangenschaft geratenen US-Piloten verhandeln. Dafür muss Donovan nach Ost-Berlin reisen.

Frostiges Klima

Es ist kalter Winter, als Donovan an der Grenze zwischen der BRD und der DDR steht, wo gerade die Mauer errichtet wird und sich dramatische Szenen abspielen. Drehbuch und Regie schildern in der Folge mit einer gewissen Ironie und Lakonie nicht nur die meteorologische, sondern auch die politische Kälte, auf die der geschickt verhandelnde New Yorker Anwalt trifft. Das erinnert ein wenig an die berühmte Verfilmung von John le Carrés Spionageroman «Der Spion, der aus der Kälte kam» (1965), doch Spielberg ist weniger bitter in seinem Blick auf die Ost-West-Spannung als der Klassiker mit Richard Burton. Es dürfte auch ein typischer Scherz der Coens sein, dass sich ein Protagonist nach dem anderen einen Schnupfen ob diesem frostigen Klima holt.

Ab morgen in den Kinos