Der literarische Atomphysiker aus dem Aargau

Andreas Pritzker war Atomphysiker am Paul Scherrer Institut. Der 74-jährige Aargauer liest James Joyce im englischen Original und hat bereits zehn Erzählbände im Self-Publishingverlag Book on Demand publiziert. Sein neuester Krimi «Stromnetz» spielt in der Coronakrise.

Hansruedi Kugler
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Andreas Pritzker in seiner Wohnung in Küttigen.

Andreas Pritzker in seiner Wohnung in Küttigen.

Bild: Bitta Gut (Küttigen, 13. Juli 2020)

Der Weg zum Selbstverlegerautor führt bei Andreas Pritzker von einer lebenslangen Leidenschaft für Literatur über einen ersten Bucherfolg und einem Zerwürfnis mit einem Verlag in die Unabhängigkeit. Zum Bestsellerautor hat es ihm zwar 1990 nicht ganz gereicht. Damals erschien Andreas Pritzkers Romandebüt «Filbers Verhängnis». Der Benziger Verlag hatte seinen Krimi ins Programm genommen und wollte daraus sogar eine Krimireihe machen. «Aber zwei weitere Manuskripte von mir sind dann nicht so gut angekommen», erzählt der schriftstellernde Physiker. «Und es gab eine scharfe Kritik eines Gutachters.» Die Literatur war damals ein Hobby, hauptberuflich war Pritzker am Paul Scherrer Institut.

Der Knick in seiner literarischen Laufbahn veranlasste ihn Jahre später zur Gründung eines eigenen Verlags. Ab 2002 erschienen im Aargauer Munda Verlag Bücher von Bekannten und Freunden. Denn das Schreiben und die Literatur sind ihm unverzichtbar. Pritzker, der sich 1975 mit seiner Doktorarbeit «Gruppenwirkungsquerschnitte für thermische Strahlung in einem Uranplasma» der Atomenergie verschrieben hatte, nennt als sein Lieblingsbuch einen der härtesten Brocken der Literaturgeschichte: «Ulysses» von James Joyce. Den las er als junger Mann, als er wegen einer Blinddarmoperation im Spital lag, und kürzlich sogar im englischen Original – was eine horrende Herausforderung ist.

Beziehungsdelikt oder Sabotage als Mordmotiv

Im neuen Roman «Stromnetz» schöpft Andreas Pritzker aus seiner beruflichen Vergangenheit in der Energiewirtschaft: Ein Angestellter der Stromnetz AG wird ermordet in seinem Auto auf einem abgelegenen Parkplatz gefunden. Die Aargauer Kantonspolizei schaltet wegen Verdacht auf Sabotage sogleich den Ermittler Elliott Kern vom Nachrichtendienst des Bundes ein. Denn nicht nur im Privatleben, sondern auch in Gerhard Stettlers beruflicher Funktion tauchen mögliche Mordmotive auf. Stettler sass an der Schaltstelle für die Netzstabilität in der Schweiz. Schnell gerät eine Gruppe von Klimaaktivisten und Kapitalismusabschaffer ins Visier der Ermittler. Mitten in der Coronakrise sehen diese eine gute Gelegenheit, mit einem Stromausfall die verhasste wirtschaftliche Ordnung zu zerstören. Oder ist das Mordmotiv doch eher in der Ehekrise wegen Potenzproblemen und einem möglichen Seitensprung zu suchen? Das lässt der Autor geschickt lange Zeit offen.

Andreas Pritzker erzählt konsequent aus der Perspektive von Elliott Kern – was dem Autor ermöglicht, Privatleben (Kern lebt als Single mit seiner Mutter zusammen) und die Vergangenheit des ehemaligen FBI-Agenten zu beleuchten. Dieses Privatleben ist mit der Aufklärung des Falls unverbunden und steht somit spannungsarm neben der Haupthandlung. Schade ist auch, dass der abgeklärte Ermittler kaum Emotionen weckt und die Monoperspektive somit wenig Dramatik erlaubt. Ab und zu ein Perspektivenwechsel in die Köpfe von möglichen Tätern hätte dem Roman gut getan.

Wen Pritzker bewundert: Michel de Montaigne

«Stromnetz» ist aber auch ein Corona-Roman – und wird so zum unterhaltsamen Zeitdokument: Leere Strassen, mühsame Videokonferenzen, die Diskussionen um drohende wirtschaftliche Schäden und die Machtfülle des Bundesrates bilden die Kulisse für die polizeilichen Untersuchungen. Und nicht zuletzt flechtet Andreas Pritzker eine Bedrohung durch radikalisierte Klimaschützer in die Handlung ein. Man mag sich wundern, dass radikale Klimaschützer einen Sabotageakt nicht etwa gegen Kohle oder Erdöl, sondern auf ein Stromunternehmen planen. Er habe zwar den Roman schnell geschrieben und sein Buch sei reine Fiktion, sagt Andreas Pritzker. Aber in Diskussionen erlebe er immer wieder, dass in links-grünen Milieus das böse Wort «Strombarone» benutzt werde, durchaus als populistisches Schreckgespenst, «obwohl der Grossteil der Energieunternehmen sich in öffentlicher Hand befinden.» Und dass es unter Umweltaktivisten auch radikalisierte Splittergruppen gibt, sei bekannt. Da kann sich Pritzker auch ein paar wissenschaftliche Klärungen in seinem Roman nicht verkneifen. Etwa, dass der Solarstrom ein grosses Problem für die Netzstabilität ist und dass AKW mit ihrem Bandstrom in dieser Hinsicht sicherer seien, lässt er die Chefin der Stromnetz AG erklären: «Fällt ein Gigant wie das KKW Gösgen aus, fahren europaweit eine grössere Zahl von Kraftwerken ihre Produktion geringfügig hoch, und das Netz bleibt stabil, die Verbraucher merken nichts.»

In seinem neuen Roman «Stromnetz» entdeckt man, wen Andreas Pritzker noch bewundert: Michel de Montaigne. Er habe im Januar alle Essais von Montaigne gelesen, erzählt er. So lässt er Elliott Kern in der knappen Freizeit dessen Bericht «Die Pest von Bordeaux», wo Montaigne zwischen 1581 und 1585 Bürgermeister war, als Kommentar zur aktuellen Coronakrise lesen. «Montaignes verständliche Sprache, sein Denken ausserhalb jeder Konvention, seine Menschenkenntnis, geschöpft aus der eigenen Lebenserfahrung, faszinieren mich. Und das alles in verständlicher Sprache», sagt Pritzker.

Dass seine Bücher literarisch hochstehend seien, behauptet er nicht. Aber ein eigenwilliger, gescheiter Kopf ist Andreas Pritzker auf jeden Fall. Einer, der stolz ist auf seine Unabhängigkeit. Selbst publizieren sei günstig, sagt er. Für eine einmalige Grundgebühr von 17 Franken kann er bei Books on Demand sein Buch, das er zuvor fertig gelayoutet hat, auf den Markt bringen, inklusive ISBN-Nummer und bestellbar in jeder Buchhandlung. Von den 22 Franken Verkaufspreis erhält er 5 Franken. So kann er publizieren, was er will: Themen wie Antisemitismus, futuristische Medizin, missionarische Weltverbesserer, aber auch gewöhnliche Midlife-Krisen in seine Romane verpacken. Ganz nach seinem eigenen Geschmack: Unterhaltung mit einer weltanschaulichen Botschaft.

Andreas Pritzker Stromnetz. Book on Demand, 145 Seiten.

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