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Theodor Fontane: Der literarische Apotheker

Mit Romanen wie «Effi Briest» hat sich Theodor Fontane unsterblich gemacht. Man versteht ihn besser, wenn man seine Herkunft in der Kleinstadt Neuruppin kennt. Dieses Jahr wäre Fontane 200 Jahre alt geworden.
Bernadette Conrad
Geburtshaus von Theodor Fontane in der Kleinstadt Neuruppin in Brandenburg. (Bild: Monika Skolimowska/DPA (Neuruppin, 7. April 2019))

Geburtshaus von Theodor Fontane in der Kleinstadt Neuruppin in Brandenburg. (Bild: Monika Skolimowska/DPA (Neuruppin, 7. April 2019))

Gleich hinter Neuruppin beginnt der Kuckuck zu rufen. Nicht, dass es im brandenburgischen Garnisonsstädtchen laut zugegangen wäre. Ganz im Gegenteil scheinen die auffallend breiten Strassen, an denen die zweistöckigen Häuser aus dem 18. Jahrhundert noch zierlicher aussehen, eher nach mehr Geschäftigkeit zu verlangen. In Fontanes Augen glich die damals 5000 Seelen zählende Stadt «einem auf Aufwuchs gemachten grossen Staatsrock, in den sich der Betreffende, weil er von Natur klein ist, nie hineinwachsen kann. Dadurch entsteht eine Öde und Leere, die zuletzt den Eindruck der Langeweile macht.»

Theodor Fontane

Theodor Fontane

Die unglückliche Ehe der Fontane-Eltern

Wie würde Fontane heute auf die Stadt blicken? Wie stünde er nur zwei Ecken weiter vor seinem Geburtshaus: der Löwen-Apotheke mit dem stattlichen Löwen über der Eingangstür, altmodischen Gardinen im ersten Stock und immer noch Arzneimitteln in den Schaufenstern? Hier meint man, sich vorstellen zu können, wie im März 1819 die frischgetrauten Eheleute Emilie Labry und Henri Fontane aus der Kutsche gestiegen waren, um mit dem Hochzeitsgeschenk der väterlichen Familie, der Apotheke, die Familienexistenz zu begründen. Neun Monate später wurde das erste Kind Theodor am 30. Dezember 1819 geboren.

Der Vater vermisst Berlin

«Apotheker auf der Flucht» überschreibt Iwan M. d’Aprile in seinem detailreichen und spannend geschriebenen «Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung» viel sagend das erste Kapitel. Auf der Flucht vor dem Beruf war zunächst der Vater, Louis Henri Fontane, leidenschaftlicher Autodidakt, der das grossstädtische Berliner Leben vermisste. Der aus der Langeweile und Leere des provinziellen Lebens und einer unglücklichen Ehe in die Spielsucht floh. Die erste dieser Fluchten war noch eine glückliche, – nach Verkauf der Löwen-Apotheke erwarben Fontanes günstig eine andere im weltoffenen Ostseebad Swinemünde mit seiner internationalen Bevölkerung – zumindest für den achtjährigen Theodor ein «Tor zur Welt». Emotional schufen die häufig streitenden Eltern «Verhältnisse, in denen nie etwas stimmte», so Fontane.

In seinem Buch, das auch viele Grundzüge des 19. Jahrhunderts porträtiert, stellt I.M. D’Aprile die Frage, ob die grosse geistige Weite Fontanes, zu der die prinzipielle Skepsis als ein Grundzug gehörte, ob für diese Persönlichkeitsentwicklung nicht möglicherweise der Grunddissens zwischen dem unkonventionellen, geistig wachen, aber auch verführbaren Vater und der auf Sicherheit bedachten Mutter eine wichtige Rolle gespielt habe.

Aus dem Apotheker wird ein freier Schriftsteller

Nicht zuletzt aber habe Fontane, so D’Aprile, auch «aus seiner Kindheit neben solchen Ängsten und Unsicherheiten den Mut… des relativ autonom aufgewachsenen Autodidakten mitgenommen, der sich neugierig und selbstbewusst zwischen den unterschiedlichen Lagern bewegt und, wann immer es geht, zu Reisen an unbekannte Orte aufbricht.» Reisen. Schreiben. Die Verbindung von beidem würde bald den roten Faden durch Theodor Fontanes Leben bilden. Zwar war er noch eine Weile tätig in renommierten Apotheken in Berlin, Leipzig und Dresden, nahm aber spätestens aus der ersten England-Reise 1844 – aus der geplanten Auswanderung wurde nichts – den Wunsch mit, anders zu leben als in einem «Normalarbeitsverhältnis».

Nahezu ununterbrochen wird er von nun an Reisefeuilletons verfassen und journalistisch tätig sein; politisch hellwach und in Deutschland kämpferisch aktiv auf Seiten der Revolution. Als sich ihm die Möglichkeit einer Anstellung im «Literarischen Kabinett» eröffnet, schreibt er an seine Verlobte: «Wenn’s Dir passt, im Oktober Hochzeit.» In den 1850er-Jahren beginnt Fontane, längst fest in Berlin installiert, seine alte Heimat journalistisch zu bereisen.

1861 werden die oft als sein Hauptwerk beschriebenen «Wanderungen durch die Mark Brandenburg» erstmals erscheinen: Jene intime, grundlegende Vor-Ort-Auseinandersetzung mit der für ihn so ambivalenten Gegend, die er auch mal als «Ängstlichkeitsprovinz» bezeichnet hat.

Wirtschaftlichen Erfolg hatte Fontane nie

Am Ufer des Ruppiner Sees entlang radelnd, folgt man gern dem Ruf des Kuckucks. Verschwiegene Badeplätze mit Wiesen voller Amseln und Gänseblümchen warten. In Wuthenow macht eine Tafel darauf aufmerksam, dass man nach dem gleichnamigen Gutshof aus Fontanes Novelle «Schach von Wuthenow» vergeblich suche, die habe der Dichter erfunden. «Romancier im Dienst» nennt D’Aprile den letzten und bedeutsamsten Lebensabschnitt des Schriftstellers.

Berlin wird als Lebensmittelpunkt, als Stoff und Horizont zentral. Unschätzbar deshalb der gleichnamige Band von Bernd W. Seiler, der «Die Hauptstadt in seinen Romanen» porträtiert, indem er so detailversessen wie Fontane selbst in alten Stadtplänen und Fotos Spuren und Zusammenhänge sucht. Der vierfache Vater Fontane konnte sich komfortables Wohnen nicht leisten. «Als Schriftsteller wirtschaftlich erfolgreich war Fontane im Grunde nie», schreibt Seiler. Ein Vielschreiber nicht nur aus Besessenheit, – sondern auch aus Notwendigkeit, verstand er es dennoch immer, seine Weltneugier und Reiseleidenschaft auch für die Arbeit nutzbar zu machen. «Fontanes Sommerfrischen» heisst ganz folgerichtig der ebenfalls bildstarke Band, in dem Seiler aktuell die vielen Reisen des Dichters ins Riesengebirge und an Ost- und Nordsee, nach Bayreuth, Dresden und Karlsbad und ihre literarischen Erträge beleuchtet.

«ganz selbstständig im Leben»

Dass er ein ganz und gar eigener Kopf war, dem lesend und reisend zu folgen sich bis heute lohnt – wusste Fontane schliesslich auch selbst: «Es ist nichts Auswendiggelerntes, nichts Schablonenhaftes in mir», schreibt er einmal selbstbewusst, «ich bin ganz selbstständig im Leben, Anschauung und Denkungsart…», und vor allem davon ist man überzeugt, wenn man den Ruf des Kuckucks im Ohr, von Wustrau am Ruppiner See den Zug nimmt zurück nach Berlin.

Hinweis
- Iwan-Michelangelo D’Aprile, Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung, Rowohlt Dez. 2018, 544 S.
- Hans-Dieter Rutsch, Der Wanderer. Das Leben des Theodor Fontane, Rowohlt Dez. 2018, 332 S.
- Bernd W. Seiler, Fontanes Berlin. Die Hauptstadt in seinen Romanen, Verlag für Berlin Brandenburg vbb 2012, 190 S. m.zahlr.Abb.
- Lorenz Kienzle, Brandenburger Notizen. Fontane – Krüger – Kienzle, Verlag für Berlin Brandenburg vbb 2019

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