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Der Leiterkastenmann

In der Lokremise wird Elfriede Jelineks Winterreise zum feinen Dreigangmenu.
Valeria Heintges
Marcus Schäfer klettert als an Alzheimer Erkrankter auf und in die Leiter: Szene aus der «Winterreise» in der Lokremise St. Gallen. (Bild: Tine Edel)

Marcus Schäfer klettert als an Alzheimer Erkrankter auf und in die Leiter: Szene aus der «Winterreise» in der Lokremise St. Gallen. (Bild: Tine Edel)

Elfriede Jelineks Theatertexte sehen nicht aus wie Theatertexte. Keine Dialoge, keine Personen, einfach lange Redeblöcke, ab und zu ein Absatz, hin und wieder ein neues Kapitel. Einerseits.

Andererseits bieten die Texte Theaterleuten alle Freiheiten. Wer wann wo was spricht, allein oder mit einem anderen – das überlässt die österreichische Autorin denen, die ihre Dramen auf die Bühne bringen. Ein Wagnis für beide Seiten. Aber eines, das immer wieder tolle Inszenierungen ermöglicht. Zum Beispiel seit Freitag am Theater St. Gallen.

Regisseur Peter Ries hat, sicherlich von Anfang eng zusammen mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Gernot Sommerfeld, für seine Inszenierung von Jelineks «Winterreise» als schweizerische Erstaufführung das ganze Theater in der Lokremise genutzt. Es beginnt noch vor dem Saal mit einem Apéro am Hochsitz. Auf den klettern drei fesche Mädel in Wandertracht, mit Feldstecher um den Hals und Sonnenbrille – nicht ganz stilgerecht – auf der Nase. Sie meditieren über das Wandern und das Leben, das Vorbeiwandern und das Leben, das vorbei ist.

Müller, Schubert, Jelinek

Das Stück heisst so, weil Jelinek an Schuberts «Winterreise» und den Gedichten von Wilhelm Müller entlangschreibt. Einzelne Zeilen dienen der Nobelpreisträgerin als Ausgangs- und Endpunkt ihrer wilden Gedankenzirkel und atemlosen Sprachvolten, als ruhender Anker. So beginnt Müllers erstes Gedicht mit «Fremd bin ich eingezogen,/ fremd zieh' ich wieder aus», und Jelinek fragt: «Was zieht da mit, was zieht da mit mir, was zieht da an mir?»

Ein Wanderer auf seiner letzten Reise im Winter – das Thema Tod liegt allem zugrunde, niemand griffe es dankbarer auf als Jelinek. Kaum haben die Damen ihre Reflexionen beendet, wird das Publikum in den Saal gewiesen, «die einen weisen ab, die andren weisen an», sagen sie und sind mit Rassismus und Fremdenhass beim nächsten grossen Jelinek-Thema. Im Saal dann tanzen die Mädel und die Buben auf dem Dach und zeigen ihre schöne Heimat. Auch die Hochzeit der Hype-Alpe-Adria-Bank mit der Bayerischen Landesbank wird zum Thema und die arme Braut zum traurigen Clown geschminkt. Dann geht es weiter rund ums Plastikhaus, Natascha Kampusch spricht aus dem Keller, passenderweise für viele Zuschauer unsichtbar. Eine verklemmt-offenherzige Dame (Julia Schranz) tanzt ein Gedankenduett mit ihrem freizügigen Schattenpartner (Sven Gey) im Haus. Und im dritten Gang werden die Gäste zum Bankett gebeten, passend zum berührenden Müller-Gedicht vom Leierkastenmann als dem personifizierten Tod verknotet sich ein alzheimerkranker Mann in der Leiter. Ein Bild der Verzweiflung.

Nicht zu viel verraten

Man darf nicht viel mehr verraten, so faszinierend sind die Regieeinfälle. Zudem hat Regisseur Ries mit Wolfgang Fernow einen Musiker, der unaufdringlich ans Schubertsche Urwerk erinnert. Und ein Schauspielerquintett, das den Ideen Leben einhaucht: Meda Gheorghiu-Banciu als junge Naive, Diana Dengler als frustrierte Alte, Marcus Schäfer als seniler Alter – alle beweisen: Jelinek-Texte können hochtheatralisch sein.

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