Der Künstlerunternehmer

Am Ende soll es ganz leicht aussehen: Im März präsentiert der St. Galler Musiker in der Lokremise sein neues Programm. Vom persönlichen Coach, über den Regisseur bis zum Videokünstler helfen diverse Leute mit. Der Sänger ist heute ein Kulturunternehmer - mit höchsten Ansprüchen an sich und sein Umfeld.

Philippe Reichen
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Wer seine Stimme im Griff haben will, muss auch den Körper beherrschen: Martin Ulrich alias Martin O. mit seinem Coach Roland Leuenberger. (Bild: Urs Jaudas)

Wer seine Stimme im Griff haben will, muss auch den Körper beherrschen: Martin Ulrich alias Martin O. mit seinem Coach Roland Leuenberger. (Bild: Urs Jaudas)

Martin Ulrich (alias Martin O.) ist sein eigener Chef. Als Chef hätte er sich an diesem Morgen guten Gewissens noch ein wenig länger ins Bett befehlen können. Er tat es nicht.

Der Chef ist in diesen Tagen angespannt. Er arbeitet an einem neuen Produkt. Er arbeitet an seiner Zukunft. Und die Zeit drängt.

Über den Körper zur Stimme

Einer, der Martin Ulrich unterstützt, ist Roland Leuenberger, Künstler auch er, Körper-Coach, Atem- und Mentaltrainer.

Leuenberger, ein ehemaliger Boxer, verspricht: Wer an seiner körperlichen Ausstrahlung arbeitet, kann mehr leisten.

Sein «Atelier» hat er in einer St. Galler Industriebaute eingerichtet, samt einfach gezimmerter Probebühne. Dort hockt Martin Ulrich an diesem Morgen auf einem Stuhl und singt. In diesem Moment ist er ganz in seiner Rolle des Stimmakrobaten Martin O.

Der St. Galler präsentiert die Ouverture seines neuen Programms. Roland Leuenberger rupft und zerrt an seinen Kleidern, testet die körperliche Widerstandsfähigkeit. Er drückt Martin O. in jene Körperregion, wo das Zwerchfell liegt.

«Mach alles, aber kipp nicht mit dem Oberkörper nach vorne», rät er ihm. Kurz zuvor hatte er noch ausgerufen: «Häng nicht wie eine Banane auf dem Stuhl.» Erst wer seinen Körper beherrscht, beherrscht auch seine Stimme. Später wirft er Martin O.

, während er singt, einen roten Ball zu. Die Pässe werden schneller und härter. Martin O. soll die Bälle fangen, zurückspielen und sich nicht aus der Balance bringen lassen. Die Übung wird zum schweisstreibenden Fitnessprogramm.

Im März muss der 35-Jährige für den nächsten Schritt in seiner Karriere bereit sein. Auf den 24. März hat er zur Premiere seiner neuen Produktion in den grossen Theatersaal der Lokremise eingeladen. Was erwartet das Publikum? Hat das Programm einen Namen?

«Ist es das nun?»

Noch schweigt sich Martin Ulrich über vieles aus, über den Namen des Programms sowieso. Er habe einen Arbeitstitel gehabt. Jetzt sei wieder alles offen. Bald aber werde entschieden - definitiv. Der Programmtitel ist entscheidend. Er erinnert sich an einen Kollegen, der sein Programm «Du und der Tod» taufte. Vielleicht wäre der Inhalt durchaus amüsant gewesen. Das Publikum aber interessierte sich nicht dafür. Die Leute wollen Spass, der Alltag bietet täglichen Ernst bis zur Genüge.

Die neue Produktion beschäftigt Martin Ulrich derzeit fast rund um die Uhr. Wenn er nicht probt, einen Auftritt hat oder im Büro sitzt, zerbricht er sich den Kopf über das, was schon ist, und Dinge, die noch fehlen.

Die letzten Entscheide sind die schwierigsten. Es gibt einen Plakatentwurf: «Ist es das nun?», fragt sich Martin Ulrich. Jeder einzelne der Programmteile hat er zu Hause auf Zetteln notiert und sie auf einer Magnetwand befestigt. Was ist das perfekte Arrangement? Wichtig ist die Verbindung zwischen den Nummern.

Der grosse Bogen muss ebenso stimmen wie die Details.

Martin Ulrich schiebt die Zettel hin und her, rauf unter runter. Es geht um die perfekte Verbindung der Einzelteile. Der Anfang ist entscheidend - und das Finale. «Die ersten dreissig Minuten sind fix», so der St. Galler. Ebenso die letzte Nummer vor der Pause.

- Woher kommen seine Ideen, wo hat die Kreativität ihren Ursprung? «Ich sehe ein Gesicht, es kommt mir eine Idee, ich mache mir eine Klangnotiz auf mein Handy. Alles bedingt alles», sagt Martin Ulrich.

Nebst dem Körper- und Mentalcoach ist auch ein Regisseur Teil im Team: Tom Ryser. Mit einem Videokünstler hat Martin Ulrich seine Vision verwirklicht, Bild und Aktion zusammenzubringen. Die neue Show wird ein visuelles Erlebnis. Der Gesang und die sogenannten Loops sind weiter im Zentrum, mit einem E-Piano als Ergänzung.

Die Comedy wird zu einem immer wichtigeren Element.

Solo nur auf der Bühne

Die Erfahrung spielt derzeit eine entscheide Rolle. Mit seinem Programm «... der mit der Stimme tanzt», tourt Martin Ulrich seit vier Jahren. Bis heute hat er es 400 Mal gezeigt: in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Italien. Er hat gelernt, was auf der Bühne funktioniert, und sein Programm ständig weiterentwickelt.

Die Produktion sei mit jeder Aufführung besser geworden, sagt er Auch darum wird er «...der mit der Stimme tanzt» parallel zum neuen Programm weiter zeigen.

Der Künstler Martin O. ist heute ein Kulturunternehmer. Entscheidend war für den gelernten Primarlehrer die Zeit mit der A-cappella-Gruppe Hop o'my thumb. Als sich die Däumlinge auflösten, entschied sich Martin Ulrich zur Solokarriere. Er sah rasch, dass er nicht alles alleine machen konnte. Er brauchte Leute, die ihm halfen.

Heute hat er eine eigene Firma: Die Stimmart GmbH. Über seine Firma zahlt sich Martin Ulrich einen Lohn aus, er arbeitet mit einer Booking-Agentur zusammen, die Anfragen entgegennimmt und seine Auftritte koordiniert. Jemand kümmert sich um die Medienarbeit, ein Grafiker um den visuellen Auftritt. Neu beschäftigt Martin Ulrich an einem Nachmittag pro Woche eine Sachbearbeiterin.

Sie kümmert sich um das Administrative, erledigt die Buchhaltung, zahlt Rechnungen, kümmert sich um die Steuern. Bei seinen Auftritten wird Martin Ulrich von je einem Ton- und Lichttechniker begleitet.

Das alles und die neue Produktion zeigen: Martin O. möchte sich weiterentwickeln. Auch wenn er betont, er spiele vor 20 Leuten ebenso gerne wie vor 1500, sucht er die grossen Bühnen - er muss, «auch aus finanziellen Gründen», sagt er.

Zum Vorsingen nach Übersee

Der nächste Schritt steht kurz bevor. Mitte Februar präsentiert sich Martin Ulrich an der Künstlerbörse für Kanada und Nordamerika den Scouts. Expandiert Martin O. bald nach Übersee? Singt er bald in Montreal, Vancouver, New York? Der St. Galler hofft - und singt.

Premiere des neuen Programms: 24. und 25. März 2011 Lokremise St. Gallen. Weitere Informationen auf: www.martin-o.ch

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