Der kühle Präsident

Mit seinem Amt hat Barack Obama die Bürde des Afghanistan-Krieges übernehmen müssen. Er muss Entscheidungen treffen. Wie er es tut, das beleuchtet Bob Woodward in einem Buch.

Rolf App
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Hypothek Afghanistan: US-Präsident Barack Obama letzten Dezember bei seinen Truppen. (Bild: ap/Pablo Martinez)

Hypothek Afghanistan: US-Präsident Barack Obama letzten Dezember bei seinen Truppen. (Bild: ap/Pablo Martinez)

Es ist eine einfache Frage, die Bob Woodward zum Ziel führt. Nach einem fast zweistündigen Gespräch fragt er sein Gegenüber: «Haben Sie den McChrystal-Bericht vorliegen?» - «Ja, er liegt hier auf dem Schreibtisch», sagt der Betreffende - und macht ihm eine Fotokopie. Als er die hochgeheime Bestandesaufnahme von General Stanley McChrystal zur Lage in Afghanistan studiert, wird Woodward klar: Das muss er publizieren.

Denn der Bericht sagt: Wenn es nicht gelingt, die Initiative zurückzugewinnen, könnte es sein, dass die USA den Krieg verlieren - und zwar bis zum September 2010.

Ein heikler Moment für Obama

Woodward schreibt ein E-Mail an Marcus Brauchli, den Herausgeber der «Washington Post», in deren Diensten die Journalistenlegende (siehe nebenstehenden Text) seit Jahrzehnten steht. Zusammen informieren sie das Weisse Haus und das Pentagon.

Natürlich wollen diese eine Veröffentlichung verhindern, doch da ist bei den - von einem Anwalt assistierten - Herren der «Washington Post» nichts zu machen. Auf den Abdruck einzelner Passagen verzichten sie, 97 Prozent des Berichts aber werden publiziert.

Es ist ein heikler Moment in der noch jungen Präsidentschaft Barack Obamas. Während die Regierung nach aussen Optimismus demonstriert, ziehen sich intern dunkle Wolken zusammen.

Die Lage am Hindukusch wird in sehr düsteren Farben gezeichnet, das Militär fordert mehr und mehr Truppen. Und Afghanistan droht zu Obamas Vietnam zu werden.

Wie aber geht der Präsident damit um? Davon handelt Bob Woodwards Buch über «Obamas Kriege». Beinahe Tag um Tag dokumentiert es, was in der Regierung Obama wo diskutiert, erwogen oder verworfen wird.

Mitreissend geschrieben ist es nicht, dafür vermittelt es einen ausserordentlich detailgenauen Blick ins Innere einer ratlosen Supermacht. Und: Woodward zeichnet das Bild eines grossen argumentativen Handgemenges, in dem der Präsident versuchen muss, einen kühlen Kopf zu bewahren. Er muss entscheiden. Er kennt die Geschichte. Zum Beispiel jene des Vietnam-Krieges, der in den Siebzigerjahren zur traumatischen Erfahrung für die USA wurde. Er hat die Ermahnungen seiner Vorgänger im Ohr.

Zum Beispiel jene von John F. Kennedy, dessen Amtsantritt sich in wenigen Tagen zum fünfzigsten Male jährt. Nachdem ihn das Militär in ein desaströses Invasionsabenteuer gegen Kuba gestürzt hatte, lautete des jungen Kennedy Rat an seine Nachfolger: Traut niemals dem Militär.

Bushs Vier-Augen-Gespräche

Mehr noch als Kennedy dürfte Obama seinen Vorgänger George W. Bush als Beispiel vor Augen haben. Viele seiner Entscheidungen hat Bush im Vier-Augen-Gespräch mit Vizepräsident Cheney getroffen.

In eine solche Abhängigkeit will dieser Präsident sich nicht begeben. Er ist, im Gegenteil, an möglichst vielen Meinungen interessiert.

So ermuntert er Vizepräsident Joe Biden, gegen die Forderung des Militärs nach weiteren 40 000 Soldaten anzutreten. Er pfeift die von ihm sehr respektierten Generäle David Petraeus und Stanley McChrystal zurück, als sie beginnen, öffentlich Druck zu machen. Er legt Wert auf eine saubere Bestandesaufnahme aller Fakten und auf realistische Zielvorgaben.

Erschreckende Eindrücke

Mehrere Monate dauert diese Bestandesaufnahme, heftig sind die Debatten. Sie fördern Erschreckendes zutage: Afghanistan hat einen Präsidenten, dem nicht zu trauen ist. Pakistan will nichts gegen Al Qaida unternehmen, weil es interessiert ist am Chaos in seiner Nachbarschaft. Die US-Armee beherrscht Afghanistan bestenfalls punktuell, von einem Aufschwung im Land ist nichts zu spüren. Im Gegenteil. Der afghanischen Armee und Polizei laufen die Leute davon.

Und wie entscheidet sich der Präsident? Er bewilligt 30 000 zusätzliche Soldaten, verlangt aber zugleich einen Zeitplan für den geordneten Rückzug aus dem ebenso riesigen wie undurchschaubaren Land. Davon, Al Qaida und die Taliban zu «vernichten», kann nicht mehr die Rede sein. Wie das Abenteuer Afghanistan endet, das bleibt offen. Der Präsident aber hinterlässt nach 450 Seiten einen guten Eindruck.

Was seine Mitarbeiter irritiert - die innere Distanz, die er ausstrahlt -, das könnte Obamas Qualität sein. Er weiss: Am Ende trägt er die Verantwortung.

* Bob Woodward: Obamas Kriege. Zerreissprobe einer Präsidentschaft, DVA, München 2011, Fr. 39.90