Interview

Das wird wieder ein Bestseller – Arno Camenisch sagt zu seinem neuen Roman: «Der Kiosk war die grosse Versuchung»

Am Kiosk in Tavanasa ging Arno Camenisch als Schulbub täglich vier Mal vorbei – und gab jeden Rappen für Schleckzeug aus. Jetzt hat er in «Goldene Jahre» den Kiosk zum Schauplatz seines neuen Romans gemacht. Seine Romane fügen sich immer mehr zu einem grossen Gesellschaftsbild zusammen.

Hansruedi Kugler
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«Ich habe mein Herz in der Surselva, deshalb spielen die Bücher dort», sagt Arno Camenisch.

«Ich habe mein Herz in der Surselva, deshalb spielen die Bücher dort», sagt Arno Camenisch.

Bild: Janosch Abel

In Arno Camenischs neuem Kurzroman führen Margrit und Rosa-Maria in Tavanasa seit 50 Jahren ihren Kiosk mit Tankstelle. Nun schauen sie warmherzig zurück auf ein halbes Jahrhundert Dorfleben und schütteln über das Weltgeschehen den Kopf. Das ist witzig, gutmütig und lebensnah. Statt Kägi-Fretli als Schutz vor der Lebensverzweiflung wie in Camenischs letzten Romanen essen nun die neuen, stolzen Heldinnen Zitronencake zur Feier ihres Jubiläums.

Wie in den vorherigen Kurzromanen reden Arno Camenischs Figuren assoziativ und landen oft bei Katastrophen wie Lawinentod, Verkehrsunfall, Liebesunglück in ihrer Umgebung. Sie erinnern sich aber auch an Eddie Merckx, der vor ihrem Kiosk an der Tour de Suisse stürzte, an den Bundesrat, der bei ihnen ein Sinalco trank – und erzählen vom jungen Dorfdichter – Arno Camenisch hat in «Goldene Jahre» selbst eine Nebenrolle.

Zur Person

Bündner Bestsellerautor

Arno Camenisch ist 1978 im bündnerischen Tavanasa geboren und aufgewachsen. Dort spielen auch die meisten seiner bisher elf Bücher. Nach einem ersten Buch auf Rätoromanisch war «Sez Ner» 2009 sein erstes deutschsprachiges Buch, das wie alle späteren im Engeler Verlag erschienen ist. Unterdessen sind seine Bücher in über zwanzig Sprachen übersetzt. Camenisch lebte drei Jahre in Madrid und studierte am Literaturinstitut in Biel, wo er auch heute lebt. Drei seiner Bücher sind als Hörspiele und fünf für das Theater inszeniert worden. (hak)

Ich bin überrascht. Sie erzählen statt von mürrischen Eigenbrötlern von zwei fröhlichen, gutmütigen, zufriedenen Frauen.

Arno Camenisch: (lacht) Es ist ein typischer Camenisch und doch anders. Das Buch hat einen hellen, lebensbejahenden Grundton. Für mich ist es ein Buch des Aufbruchs, ein Frühlingsbuch. Meine Figuren schliessen ja am frühen Morgen ihren Kiosk auf und so beginnt der Tag. Das hat so eine Frische und das war auch das Gefühl beim Schreiben. Es gibt eine neue Energie.

Das Lieblingswort der beiden Frauen heisst «sodeli», ein gemütliches «so, da wären wir». Die beiden wirken zwar etwas einfältig, sind aber redliche Kleinunternehmerinnen. Gab es sie in Tavanasa?

Den Schauplatz gab es. In meiner Kindheit kam ich jeden Tag auf dem Weg zur Schule viermal da vorbei. Der Kiosk war die grosse Versuchung. Wir kratzten jeden Zwanzigräppler zusammen, um dort etwas zu kaufen. Aber ich schreibe fiction. Es sind zwei typische Camenischfiguren, die mit Liebe und Wärme aus ihrem Leben und von ihrer Umwelt erzählen und den Bogen schlagen über eine ganze Epoche. Es sind vor allem zwei grosse Erzählerinnen.

Man kann in ihren Romanen auch Wehmut entdecken: Sie schildern eine fast schon verschwundene, stolze Selfmade-Schweiz auf dem Dorf. Heute gibt es überall statt Lädeli Ladenketten. Rührend, wie die beiden Frauen sich noch mit ihren Produkten identifizieren.

Im Zentrum meiner Bücher stehen stets Menschen mit ihren Sorgen, Hoffnungen, Ängsten. Darum erzählen meine Figuren immer lustige, tragische, traurige, komische Geschichten und Momente aus dem Leben. Eigentlich erzähle ich, was das Leben ausmacht.

Trotzdem schildern Sie immer auch eine verschwindende Welt. Das ist beim Kiosk mit Tankstelle wieder so, seit die Umfahrungsstrasse eröffnet wurde. Es ist eine dörfliche Schweiz im Niedergang.

Ich erzähle von einer Welt im Wandel. Als Schriftsteller bin ich Beobachter. Aber natürlich ist in verschiedenen Büchern von mir das Verschwinden ein Thema. Im neuen Buch gibt es aber eine andere Grundenergie. Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Und die zwei Figuren haben so eine schöne Gelassenheit, viel Ruhe und sind unbeirrbar. Sie gehen ihren Weg.

Margrit und Rosa-Maria packen dem Pfarrer diskret sein Sexheftli ein, schenken Kindern auch mal eine Glace und finden es richtig, wenn sich unglückliche Paare trennen. Ihr Roman liest sich wie eine Ode an die weibliche Güte.

Ich habe diese zwei Figuren im Herzen, ich mag es sehr gerne, wie sie auf die Welt schauen. Sie müssen sich nichts beweisen und haben etwas sehr Grosszügiges, wie sie die Welt anschauen. Sie sind neugierig und haben eine ganz grosse Offenheit und eine Weitsicht. Das ist ja auch die Basis des Schreibens.

Das Leben ihrer beiden warmherzigen Hauptfiguren spielt sich jedoch nur im Kiosk ab, wo sie Beobachterinnen sind und ihr Weltwissen aus Heftli beziehen. Dass man sonst nichts über sie erfährt, fand ich schade. Margrit und Rosa-Maria könnten ein Liebespaar sein. Arno Camenisch verrät darüber nichts.

(lacht)

Mich hat einfach die Situation interessiert, dass sie im Kiosk sind und die Welt jeden Morgen von neuem wieder zu ihnen kommt. Die zwei Figuren sind informiert über das Weltgeschehen und im Austausch mit den Leuten. Sie sind das Informationszentrum im Dorf. Von daher haben sie ein reiches Leben. Wenn ich ihre Biografie hätte erzählen wollen, hätte ich das gemacht.

Margrit sagt zu Beginn des Romans «Auf zum Mond», schaut zur Leuchtreklame über dem Kiosk und erinnert sich damit an die Mondlandung der Apollo 11, die zeitgleich mit der Eröffnung des Kioskes 1969 stattfand.

(lacht)

Ja, da sind wir ganz in meiner Welt, in der das Kleine und das Grosse sich im Dorf verbinden. Das ist jetzt mein elftes Buch und mit jedem Buch wächst diese Welt, kriegt neue Facetten und neue Perspektiven. Es ist eine Frage der Vision, ein Werk, das entsteht. Meine Bücher sind alle miteinander verknüpft. Es ist ein grosses Ganzes.

Das Radio mit der abgeknickten Antenne kommt immer wieder vor. Sie schrieben bisher über die Beiz, den Skilift, die Schule und nun über den Kiosk. Zusammen ergäbe das einen grossen Gesellschaftsroman.

Das ist die Vision, die Camenisch-Welt, die mit jedem Buch wächst. Da kann es sein, dass einer im nächsten Buch in einer Nebenrolle auftritt.

Wie viele Kurzromane haben Sie noch im Kopf?

Schon noch ein paar (lacht). Ich mache einfach aus dieser wahnsinnigen Freude am Erzählen, an der Offenheit und Neugier der Welt gegenüber immer weiter. Beim Schreiben von «Goldene Jahre» hatte ich eine riesige Lebensfreude. Es hat mir so grossen Spass bereitet, und ich denke, das ist im Buch auch spürbar. Die Freude ist für mich der Antrieb, Bücher zu schreiben.

Sie selbst haben als Dorfdichter, als Sohn von Tini, auch eine kleine Nebenrolle im neuen Buch.

Mein Vater hiess Constantin, alle nannten ihn Tini. Ich tauche in jedem meiner Bücher für einen kurzen Moment etwas verdeckt auf, ein Camouflage-Auftritt. Ich bin ja auch Teil dieser Welt und ein paar Episoden, die Margrit und Rosa-Maria erzählen, stammen tatsächlich aus meiner eigenen Kindheit und Jugend. Das Dorf war für uns wie ein grosser Abenteuerspielplatz. Wir gingen am Morgen aus dem Haus, kamen am Abend zurück, und was sich dazwischen abgespielt hatte, blieb unter uns.

Und Ihre Mutter hatte Todesangst, weil Sie mit Ihren Brüdern vom abfahrenden Zug sprangen.

Sie wusste zum Glück nicht immer, was wir wieder angestellt hatten. Sonst hätte sie eine Herzbaracke eingefangen.

Sind Sie auch so ein Schleckmaul wie die Figuren, die Kägi-Fretli oder nun das leider seit 2002 nicht mehr produzierte Schweizer Fruchtbonbon Sanagol lutschen?

Gibt es das nicht mehr? Die habe ich sehr geliebt.

Rosa-Maria sagt mal, wenn Männer verliebt sind, dauere das genau acht Wochen. Woher haben Sie denn diese Theorie?

Das hat mir mein Coiffeur erzählt. (lacht) Und wenn der das sagt, wird es schon stimmen.

Und wie steht es mit Ihrer eigenen Verliebtheitsspanne?

Das ist natürlich völlig privat. Aber Liebeskummer hatten wir alle schon.

Jedes ihrer Bücher steht wochenlang auf den Bestsellerlisten. Die Literaturkritik wird aber ungeduldig, wirft Ihnen vor, Sie würden immer die gleiche Masche stricken.

Wissen Sie, ich mache einfach und schreibe das nächste Buch, und zwar genauso, wie es sich für mich richtig anfühlt. Ich denke dabei immer an die Vision, an das grosse Ganze. Es ist eine grosse Welt, die da entsteht.

Sie haben drei Jahre in Madrid gelebt. Wann liest man einen Spanienroman von Arno Camenisch?

In meinen Büchern habe ich oft eine Figur, die in Spanien war. Das ist ein Gruss an mich und an meine Zeit in Spanien. Aber im Zentrum meiner Bücher steht der Mensch und was das Leben ausmacht. Für mich ist es nicht so entscheidend, wo sie spielen. Ich habe mein Herz in der Surselva, deshalb spielen die Bücher dort. Auch in Tavanasa hoffen und zweifeln wir. Auf Lesereisen in anderen Ländern sagen mir die Leute oft: Das ist wie bei uns. Sie finden ihre Welt in den Büchern.

Wie zufrieden sind Sie über die Theaterinszenierungen Ihrer Bücher?

Das ist sehr schön und man hört seine eigenen Figuren nochmals anders. Aber am liebsten habe ich schon Bücher, weil die Welt und die Bilder im Kopf immer grösser sind. Die Literatur ist heute für mich auch Entschleunigung. Ich habe gerade eine Stilkunde von einem Schriftsteller über den Fussballer Lionel Messi gelesen. Und vor einem Jahr habe ich sogar angefangen, Tennis zu spielen. Und dabei entdeck t: Tennis und Schreiben haben Parallelen. Wenn ich beim Tennis die Bälle gut treffen will, muss ich in der Schulter ganz locker bleiben.

Arno Camenisch: Goldene Jahre. Roman, Engeler Verlag, 101 Seiten.