Der Kindskopf mit der Lunte

Bekannt ist der Elsässer und Weltbürger Tomi Ungerer vor allem durch seine Kinderbücher. Das Kunsthaus Zürich zeigt ihn nun «Incognito»: Als Schöpfer skurriler Collagen, als Plastiker, als Provokateur mit tiefschwarzem Humor.

Bettina Kugler
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Lustvolles Spiel mit dem Unerwarteten: «Great Expectations», 2009. (Bild: Tomi Ungerer/Diogenes Verlag)

Lustvolles Spiel mit dem Unerwarteten: «Great Expectations», 2009. (Bild: Tomi Ungerer/Diogenes Verlag)

Einmal hätte es ihn beim Hantieren mit Sprengstoff fast erwischt. Da bastelte Tomi im Haus der Eltern in Colmar eine Granate aus dem hohlen Treppenknauf. Ein Drittel Salpeter, ein Drittel Schwefel, Karbon dazu, dann die Lunte zünden – das gehörte zum Weltwissen der Kriegskinder. Irgendetwas muss schiefgegangen sein damals; Tomi Ungerer überlebte den Bubenstreich. Den Knauf aus Messing schraubte er nachher einfach wieder an.

Gezündelt aber hat er weiter, und er tut es bis heute: mit Stift und Papier, mit Ausschnitten aus Zeitungen und Magazinen, in den letzten Jahren immer öfter mit Fundstücken aus der Natur oder vom Schrottplatz. Dabei entstehen Plastiken und Assemblagen wie das ausdrucksstarke «Jealousy», ein Paar aus verrostetem Metall, oder das Männchen mit einem Tischtennisball vor der Visage – «Shut up an say yes!», sagt Ungerer dabei mit seinem grausam verschmitzten Grinsen.

Künstlerische Heimat Zürich

«Incognito» begegnet man dem überaus bekannten Illustrator, Bilderbuchkünstler, Geschichtenerzähler, dem Bauern, Metzger, Aktivisten und Provokateur Tomi Ungerer derzeit in der gleichnamigen Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Reichlich spät, ist Zürich doch seit Jahrzehnten künstlerische Heimat des vielsprachigen Weltbürgers, Basisstation seiner Sprengkörper zwischen Buchdeckeln.

Zur Ausstellung ist denn auch ein opulenter Katalog bei Diogenes erschienen – zusammen mit einem Band blitzgescheiter Notizen und Aphorismen, Titel: «Besser nie als spät». Eines seiner Geständnisse darin könnte als Motto über der Zürcher Werkschau mit ihren rund 170 Collagen und Objekten stehen: «Ich lege weiterhin an jede Lunte Feuer.» Mit kreativer Lust.

«Expect the unexpected»

Seinen Biss hat Tomi Ungerer, unterdessen 84 Jahre alt, nicht verloren, auch wenn er zur Ausstellungseröffnung Ende Oktober genüsslich seine Gebrechen zur Schau stellte: das schmerzende Bein, die wasserhellen Augen, mit denen er nicht mehr gut sieht, es sei denn das, was uns aufregt, was uns wehtut oder kalt lässt – wenn es denn wenigstens überrascht. «Expect the unexpected», dieser Devise folgt die von Cathérine Hug kuratierte Ausstellung. Dass Tomi Ungerer bei der Werkauswahl mitreden durfte, ist selbstverständlich, dass er spontan noch ausgeschnittene Fotos von Würsten und Grillpoulets mitbrachte und zwischen manche der Bilder kleben liess, gehört zur Kategorie «Unexpected», mit der man bei ihm immer rechnen muss.

Inspirationsquelle Angst

So ist die Abteilung «Fragmentierte Körper» mit ihren grotesken Phantasien rund um die Wurst noch etwas fleischiger geworden. Nicht gerade appetitlich, zugegeben! Doch gegen unser Verhältnis zum Schlachtvieh hat sich Ungerer als Schafzüchter und Hobbymetzger schon lange vor dem Siegeszug des Vegetarismus künstlerisch aufgelehnt. Ebenso wie gegen Prüderie und Rüstungswahn, den Vietnam-Krieg, Rassismus und Doppelmoral: In Amerika, wo er wie der Italiener Leo Lionni in den 1950er-Jahren als Werbegrafiker reüssierte und erste Kinderbücher publizierte, machte sich Ungerer damit unmöglich. Er galt als Pornograph; die politischen Plakate von damals sind schonungslos frech und böse.

«Incognito» zeigt aber auch, wie Tomi Ungerer zu dieser Haltung kommt – in den Kriegsjahren in Colmar, als Kind einer aufmüpfigen elsässischen Familie, traumatisiert durch den frühen Tod des Vaters. Zu Hause wurde Französisch gesprochen, aber nur, um die Deutschen zu ärgern. Eine lebensgefährliche Provokation. Die Angst erlebte Tomi Ungerer früh als Quelle der Inspiration – nicht zuletzt für seine Kinderbücher, in denen stets irgendwo Blut tropft, ein Menschenfresser lauert oder eine Ratte durchs Bild springt.

Die Leere des Daseins füllen

Humor der schwärzesten Art grundiert also die Zürcher Ausstellung. Wenn überhaupt etwas freundlich kindlich daran ist, dann seine Spielereien mit in Tieren versteckten Buchstaben, Entwürfe für ein unveröffentlichtes Zahlen- und Abc-Buch. Oder die aufgeklebten Herbstblätter, die Ungerer mit wenigen Strichen zu charaktervollen Vögeln und Vierbeinern ergänzt hat. Der Wandersmann gleich im Eingang, als der er sich selbst porträtiert hat – eine Skizze für sein berühmtes Liederbuch.

Unsteter Wanderer ist Tomi Ungerer geblieben, ein Kindskopf mit Hang zum Zündeln, einer, der die Leere des Daseins füllt, mit dem «schärfsten Strich der Welt», wie man ihm nachsagt. Und dabei ein Gesicht macht wie ein kleiner Bub.

Bis 7. Februar 2016

Tomi Ungerer, geb. 1931. (Bild: pd)

Tomi Ungerer, geb. 1931. (Bild: pd)