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«Der Kantor hat ein Auge auf ihn geworfen»

Atemberaubend beleuchtet Bodo Kirchhoff in «Dämmer und Aufbruch» seine Jugend zwischen Inzest, Missbrauch und der verzweifelten Suche nach der eigenen Sexualität.
Valeria Heintges
Bodo Kirchhoff an der Frankfurter Buchmesse 2016. (Foto 19. Oktober 2016, Hannelore Foerster/Getty Images)

Bodo Kirchhoff an der Frankfurter Buchmesse 2016. (Foto 19. Oktober 2016, Hannelore Foerster/Getty Images)

Als der erste Roman von Bodo Kirchhoff erscheint, ist seine Mutter enttäuscht. Ein Pornoschriftsteller sei er, wirft sie ihm vor, auch die Zeitschrift «Der Spiegel» hatte vom «Autor einer Welt aus Kot und Ekel» geschrieben. Die Mutter kann es nicht fassen. Warum schreibt der Sohn nicht schön von der Liebe? Die Antwort auf die Frage liegt auf der Hand: Weil der Sohn mit seinem Schreiben «wieder und wieder den Versuch unternimmt, aus der eigenen Scheisse Gold zu machen.»

Die Scheisse des Bodo Kirchhoff, die breitet der Autor selbst auf 462 Seiten in «Dämmer und Aufruhr» aus. In diesem «Roman der frühen Jahre» schaut Kirchhoff auf seine Jugend zurück, von frühester Kindheit bis zu den Jahren der ersten Veröffentlichungen im Suhrkamp-Verlag, da ist er Anfang 30. Es ist eine Kindheit und Jugend zwischen Inzest und Missbrauch, zwischen verzweifelter Suche nach Liebe, Gier nach Lust und totaler Verzweiflung, an und über der Grenze zur Verrücktheit und zum Wahnsinn. Dieser Bericht gerät so himmeltraurig, so herzzerreissend anrührend, dass es dem Leser zuweilen fast den Atem verschlägt.

Mit dem Bleistift den Körper der Mutter erkundet

Den Inzest erlebt er mit der Mutter, die der Vierjährige erkunden darf, beide nackt, beide auf einem Hotelbett in Österreich. Beinahe zynisch ist die Tatsache, dass er den Körper der Mutter mit einem Bleistift erkundet, «aber nicht mit der spitzen Seite, mit der guten»; das Utensil des späteren Berufs bekommt so schon früh seine ­doppeldeutige Bestimmung. Die Mutter schweigt und geniesst, erzeugt so eine Bindung mit dem Sohn, von der er sich zeitlebens nicht lösen kann. Dem Vater, aus dem Krieg mit einem Holzbein wiedergekommen, wird in den Erinnerungen nur eine Nebenrolle zugestanden. Die Mutter wird die Liebe auch noch beschwören, wenn ihre Ehe längst in die Brüche gegangen ist. Jahrelang wird den Kindern in gemeinsamen Ferien ein heiles Familienleben vorgegaukelt, als die Eltern längst schon geschieden sind. In dieser Kindheit herrschen die Lüge und die Naivität. Auch die Lehrer bilden dabei keine Ausnahme, gerade die nicht. Gleich am ersten Tag, als der Sohn ins Internat in Gaienhofen am Bodensee kommt, beobachtet ihn der Musik- und Sportlehrer beim Duschen. Über Jahre wird er den Jungen aufs Zimmer bestellen. Bodo Kirchhoff gelingt es überragend, die Zerrissenheit und Sprachlosigkeit des Fast-noch-Kindes in Worte zu fassen. Ein «horrendes Glück im Unglück» ist das erste Mal auf dem Zimmer, das Kind «zwischen glühendem Verlangen und glühender Scham», die Vorkommnisse sind so «bestürzend wie betörend», «etwas so Traumhaftes wie Albtraumhaftes».

Diese Zerrüttung ist es, die ihn schweigen lässt; erst als der Kantor Knall auf Fall die Schule verlassen muss, merkt er, dass er nicht der Einzige war. Die Ermittlungen der Schulleitungen sind halbherzig; um das seelische Leiden der Schüler kümmert sich niemand. Schlimmer noch: Auch die Mutter findet es schön, dass «der Kantor ein Auge auf dich geworfen hat».

Mit feinem Strich zeichnet Kirchhoff das Bild des Kindes, das, mit sich allein gelassen und von Schweigen umgeben, die früh empfundene Lust mit Liebe verwechselt. Faszinierend, wie es ihm gelingt, die Gegenwart gegen die Vergangenheit zu schneiden; kleine Details bilden den Übergang der Geschehnisse von ­damals zu Besuchen bei der alt gewordenen Mutter. Und zur Reflexion des eigenen Schreibprozesses, bei dem er sich zuschaut wie «Beim Häuten der Zeit». «Wer spricht da, wenn einer von früher erzählt», fragt er sich im ersten Satz.

Bodo Kirchhoff gewann 2016 mit seiner Novelle «Widerfahrnis» den Deutschen Buchpreis. Kritiker fanden damals, den habe er längst nicht mehr nötig gehabt, seine Klasse sei längst bewiesen mit umfangreichem Werk, darunter so grossen Romanen wie «Parlando», «Infanta» oder «Die Liebe in groben Zügen». Man mag dazu stehen, wie man will. Auch «Dämmer und Aufruhr» ist von einzigartiger Qualität.

Hinweis

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr. Frankfurter Verlagsanstalt 2018, 462 S., Fr. 40.-

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