Der jugendliche Schwung eines Neunzigjährigen

Martin Preisser
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Musik Der schwedische Dirigent und 18. Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt wird am Dienstag neunzig. Er hat eine grossartige Karriere hinter sich, nicht nur in Leipzig, sondern auch bei der Dresdner Staatskapelle oder beim San Francisco Symphony Orchestra. Ein machtbesessener Pultstar war er nie, dafür aber stets ein sein Orchester befeuernder Musiker.

Und genauso unverbraucht, wie er bis heute Musik voll jugendlicher Frische, aber auch geistiger Klarheit macht, gibt er der Musikkritikerin Julia Spinola Auskunft über die Kunst des Dirigierens, das Abenteuer Interpretation und seinen Werdegang als Sohn eines Adventistenpastors. 30 000 Bücher besitzt Blomstedt. Aber nie dozierend, sondern offen und mit entspanntem, weiten Zugang zum eigenen immensen Wissenshintergrund nimmt Blomstedt den Leser mit ins Reich der Musik als universelle Sprache. Das Buch über sein musikalisches Denken ist durch die Interviewform flüssig lesbar.

Emotion und intellektuelle Brillanz paaren sich bei diesem Maestro nicht nur in seinen Interpretationen, sondern auch in seinen Ausführungen über Musik und den Musikbetrieb. Selbstzweifel befielen ihn auch nach über sechzig Jahren Musikmachen immer noch, gibt er zu. Und ein Orchester brauche keinen Beherrscher, sondern jemanden, der ihm «geistige Energie» gebe. Genau das tut Herbert Blomstedt auch noch als Neunzigjähriger.

Martin Preisser