Der jüdische Vorort von St.Gallen

Das Jüdische Museum Hohenems feiert sein 25-Jahr-Jubiläum. Unter anderem mit der neuen Sonderausstellung «Übrig». Der Direktor des Museums, Hanno Loewy, setzt bei der Museumsarbeit vor allem auf den Begegnungsaspekt.

Martin Preisser
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Das Jüdische Museum Hohenems ist in der Villa Heimann-Rosenthal beheimatet. Das Haus wurde von einem Schweizer Architekten erbaut. (Bild: Martin Preisser)

Das Jüdische Museum Hohenems ist in der Villa Heimann-Rosenthal beheimatet. Das Haus wurde von einem Schweizer Architekten erbaut. (Bild: Martin Preisser)

HOHENEMS. Das Jüdische Museum liegt an der Schweizer Strasse in Hohenems. Es hat aber viel mehr mit der Schweiz zu tun als nur über die Adresse. In der neuen Sonderausstellung «Übrig» ist ein Nachthemd von Zemirah Burgauer zu sehen. Sie wurde 1831 in Hohenems geboren und hat später den Schweizer Juden Max Guggenheim geheiratet – aus der Guggenheim-Familie, die später in Amerika zu den grössten Minenbesitzern und erfolgreichsten Museumsgründern wurde. Wenn Hanno Loewy, seit zwölf Jahren Direktor des Jüdischen Museums, über sein Haus und dessen 25jährige Geschichte erzählt, dann wird diese lebendig.

Die Grenze Vorarlberg–Ostschweiz war in der jüdischen Geschichte von Hohenems immer ein Thema, nicht nur in Zeiten des Holocaust und der Fluchthilfe eines Paul Grüninger. Dem Jüdischen Museum ist es zu verdanken, dass die Brücke zwischen Hohenems und Diepoldsau heute Grüningers Namen trägt. Viele jüdische Bewohner von Hohenems haben im 19. Jahrhundert in die Schweiz geheiratet. «Hohenems war lange Zeit der jüdische Vorort von St. Gallen», sagt Hanno Loewy. «Die Grenze damals war weniger dicht als heute, wie mir scheint.»

Minderheiten und Migration

Das Jüdische Museum ist in der Villa Heimann-Rosenthal beheimatet, 1864 erbaut von einem Schweizer Architekten, benannt nach der letzten Bewohnerin Clara Heimann-Rosenthal, die den Holocaust nicht überlebte. Ein jüdisches Museum dürfe sich nicht auf die reine Präsentation von Judaica reduzieren, sagt Hanno Loewy. «Der Besucher erwartet Aufklärung über das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen und Religionen. Wir hier als Jüdisches Museum in Hohenems wollen die Geschichte von Minderheiten und von Migration leben.» «Museen sind Einrichtungen zur Verarbeitung kultureller Entsorgungsprobleme, Deponien zur exemplarischen Aufbewahrung von zivilisatorischem Sondermüll», hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal gesagt.

In der neuen Ausstellung «Übrig» wolle das Jüdische Museum «Einblick in den Reichtum unterschiedlicher Formen des Erinnerns und Vergessens geben, dessen materielle Spuren die Sammlung des Museums bewahrt», formuliert es die Einladung zu «Übrig».

Ort der Forschung

Hanno Loewy setzt als Direktor stark auf den Begegnungsaspekt. Das Museum soll, nicht reduziert auf Objekte oder die Geschichte des Holocaust, ein Ort der Auseinandersetzung und des Lernens sein. Seit 2009 gibt es die internationale Sommeruniversität für jüdische Studien. München, Salzburg und Basel waren die ersten Partneruniversitäten. Hohenems ist heute auch ein Ort der Forschung.

Hanno Loewy Direktor Jüdisches Museum Hohenems (Bild: Dietmar Walser)

Hanno Loewy Direktor Jüdisches Museum Hohenems (Bild: Dietmar Walser)

Sichtbar gerührt erzählt Hanno Loewy dann von den Nachkommentreffen. Aus aller Welt kommen die Nachfahren von Hohenemser Juden im Museum zusammen. «Sie bilden das kollektive Gedächtnis der Hohenemser Diaspora», sagt Loewy. Eine Dauerausstellung und jetzt zusätzlich der Blick auf spezielle Objekte jüdischen Lebens in «Übrig» ist das eine. «Viel wichtiger ist ein Museum heute aber als Investition einer Gesellschaft in die eigene Zukunft, als Ort, wenn man plötzlich Ressourcen aus der Vergangenheit für drängende Fragen der Gegenwart braucht», formuliert Hanno Loewy einen fundamentalen Aspekt des Jüdischen Museums.

Gegen Nationalismus

In Österreich wird gegenwärtig das Asylrecht wenn nicht abgeschafft, so doch beunruhigend ausgehöhlt. So findet Direktor Hanno Loewy zur Vernissage von «Übrig» denn auch klare Worte zur gegenwärtigen Flüchtlingsproblematik: «Es wird an uns liegen, ob von Europa am Ende der Nationalismus und das Misstrauen gegen alles Fremde und Andere bleibt, oder die Erinnerung an Werte, für die die Aufklärung angeblich gestanden hat.» Zusammenleben brauche Neugier aufeinander, Anerkennung und Wertschätzung des anderen, sagt Loewy, für den die Arbeit in Hohenems auch bedeutet, dass das Jüdische Museum gemeinsames Lernen und Lernen voneinander ermögliche, dass es dazu einlade, ja verführe, sich selbst in Frage zu stellen und sich anderen Erfahrungen zu öffnen.

25 Prozent aller Schülerinnen und Schüler, die das Museum besuchen, kommen aus der Schweiz. Mehr als 18 000 Besucher zählte das Jüdische Museum 2014 in einem Ort mit 16 000 Einwohnern. Eine Erfolgsgeschichte. Die Sehnsucht nach Begegnung und Verstehen ist da. Hohenems ist aus der Schweiz eine sehr lohnende Reise wert.

Bis 2. Oktober; Di–So 10–17 Uhr; Führungen sowie Vermittlungsprogramme für Kinder und Jugendliche; www.jm-hohenems.at