Der Indianer des Klosters St. Gallen

Die Handschriften Nr. 1278 und Nr. 1311 gehören nicht zu jenen Manuskripten aus dem Frühmittelalter, die der Stiftsbibliothek St. Gallen zu Weltruf verhalfen.

Beda Hanimann
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book (Bild: Beda Hanimann)

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Die Handschriften Nr. 1278 und Nr. 1311 gehören nicht zu jenen Manuskripten aus dem Frühmittelalter, die der Stiftsbibliothek St. Gallen zu Weltruf verhalfen. Sie sind erst gegen 1700 entstanden, geschrieben hat sie Georg Franz Müller, der später einen geheimnisvollen Beinamen bekommen hat: «Der <Indianer> im Kloster St. Gallen». So heisst auch das Büchlein, das Karl Schmuki, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bibliothek, aufgrund der beiden Handschriften geschrieben hat.

Der 1646 geborene Georg Franz Müller war ein Elsässer, der von 1669 bis 1682 als Soldat der Vereinigten Ostindisch-Holländischen Kompanie auf verschiedenen indonesischen Inseln gedient hat. In zwei Notizbüchern hat er seine Erlebnisse geschildert und illustriert. Er war später Leibdiener eines St. Galler Mönchs und blieb auch nach dessen Tod in der Abtei St. Gallen. Nach Müllers Tod 1723 blieben die Reisebücher in der Stiftsbibliothek.

Es ist eine wundervolle, vergnügliche Lektüre, die Schmuki da erschlossen hat. Sie macht anschaulich, wie abenteuerlich und strapaziös Reisen einmal war. Die in munter-holprigen Versen verfassten Beschreibungen von Menschen, Tieren und Pflanzenwelt in Indonesien, in denen Müller jeweils die Perspektive des Objekts einnahm, zeugen vom Interesse und Wissensstand des Weltreisenden, lassen aber auch die Überheblichkeit des Europäers gegenüber anderen Völkern durchscheinen. Das ergibt ein spannendes Stück früher Reiseliteratur – wie man sie in der Stiftsbibliothek nicht erwarten würde.

Karl Schmuki: Der Indianer im Kloster St. Gallen, Verlag am Klosterhof