Neuerscheinung
Dietmar Wischmeyer ist der Immanuel Kant der politischen Satire – nun erscheint sein erster Roman

Er ist Dauergast in den besten deutschen TV-Satire-Shows. Jetzt widmet Dietmar Wischmeyer Land und Leuten eine anekdotenpralle Chronik.

Peter Henning
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Dietmar Wischmeyer verpackt in seinem ersten Roman eine Menge Sprachwahnsinn.

Dietmar Wischmeyer verpackt in seinem ersten Roman eine Menge Sprachwahnsinn.

Matthias Rietschel/Getty

Dietmar Wischmeyer verdiente sich erste Sporen als Polit-Spassmacher 1988 im Rahmen der Comedy-Serie «Frühstyxradio» des niedersächsischen Senders «Radio ffn». Von da an gab es kein Halten mehr für den 1957 geborenen Satiriker und Kolumnisten, der sein Philosophiestudium in Bielefeld abgeschlossen hatte. Gnadenlos lustig mischte er fortan die unterschiedlichsten TV- und Radio-Formate mit seinen Gags und Einlassungen zum deutschen Polit-Geschehen und seinen wechselnden Protagonisten auf. Seine Schöpfungen «Günther der Treckerfahrer» oder die «Arschkrampen» machten ihn berühmt –, seine Shows sind seitdem meist schon Monate voraus ausgebucht.

Inzwischen ist der Mann über dreissig Jahre im Geschäft – und die Liste seiner Veröffentlichungen und Auszeichnungen ist titelreich und lang. Nicht wenige sehen in dem spitzzüngigen Spötter längst den Immanuel Kant unter Deutschlands satirischen Nach- und Vordenkern. In den besten TV-Satire-Shows ist er Dauergast.

Dabei kommen ihm Bonmots wie «Alle wollen im Urlaub dorthin, wo man braun wird. Dabei kann man in der Lüneburger Heide auch braun werden, nur leider nicht von aussen» inzwischen so selbstverständlich über die Lippen, als hätte der heute 64-Jährige nie anders als in satirischen Zuspitzungen gedacht.

Ein deutscher Mann und seine Liebe zu seinem Auto

Nun legt Wischmeyer seinen ersten Roman vor, und wie es bei dem Mann mit dem rotblonden Haupthaar und dem Ziegenbart nicht anders zu erwarten war, verpackt er darin eine Menge Sprach-Wahnsinn. Nach Kurt Tucholsky, in dem nicht wenige den Gründervater der zeitgenössischen deutschen Satire sehen, ist «der Satiriker ein gekränkter Idealist».

Wischmeyer würde dem mit Blick auf Wolfgang Schrage, den Protagonisten seines Anekdoten-Feuerwerks, nicht widersprechen; präsentiert er doch mit der blauäugigen Frohnatur den Typ Super-Idealisten, der feuchte Augen kriegt, wenn er nur daran zurückdenkt, dass er einst sein Traumauto, einen VW Jetta GT, verkaufen musste.

Überhaupt: Ein Mann und seine Liebe zu seinen Autos! Darüber kann Wischmeyer so herrlich blöd daherschwadronieren, dass man sein Epos über den kleinen Jedermann Schrage am Ende mit Bedauern zuklappt. Man hätte am liebsten weitere 800 Seiten darüber gelesen, wie er über die geheimnisvollen tiefenpsychologischen Verstrickungen zwischen Mensch und Auto denkt. Denn – so Schrages unelitäres Credo: Wer setzt sich schon in einen Porsche oder in einen BMW, wenn er einen VW Corrado oder einen Nissan Bluebird haben kann?


Fünf weitere wichtige Gesichter der deutschen Polit-Satire

Dieter NuhrSeit Jahren gilt Dieter Nuhr als die Allzweckwaffe der öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands in Sachen Kabarett und Satire. Tatsächlich vermag es der Spötter gekonnt, etwa das Berliner Polit-Treiben als ein von gut bezahlten Amateuren unterm Bundesadler zelebriertes Betriebsfest Ahnungsloser zu demaskieren. Sätze wie «Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann habe ihn geschrieben» gehören bei ihm zu seinem Repertoire. Nu(h)r gut, dass es ihn gibt!
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Urban PriolEr ist der Post-Punk unter Deutschlands führenden Satirikern: Urban Priol – der Daniel Düsentrieb aus dem hessischen Aschaffenburg. Hawaii-Hemd und Elektroschock-Frisur sind seine Markenzeichen – und eine verdammt spitze Klinge. 7 Jahre lang präsentierte er «Neues aus der Anstalt». Seit er deren Leitung abgegeben hat, stellt er dem deutschen Polit-Wahnsinn in der Freien Wildbahn nach. Seine Königsdisziplin: Vulgär-Satire in Kombi mit Politiker-Bashing und dröhnendem Weltuntergangs-Geheul. Priol eben.
Sarah BosettiSeit 2009 bereichert sie angesagte TV-Shows wie «Die Anstalt», «Ladies Night» oder «Puffpaffs Happy Hour» mit ihren spitzzüngigen Einlagen: Sarah Bosetti, die 1984 in Aachen geborene Chef-Chirurgin der deutschen Gegenwarts-Satire, die mit ihren skalpell-scharfen Sätzen mit Vorliebe deutsche Polit-Geschwüre seziert. Und gern nebenbei der Mainstream-Denke einen Tritt in die Weichteile versetzt. Kürzlich erhielt sie dafür den Dieter-Hildebrandt-Preis – was als eine Art Ritter(innen)schlag innerhalb der Branche gilt.
Oliver WelkeEigentlich wohnen zwei Geister in seiner Brust: Der Fussball und die Satire. Lange zerlegte er mit Ex-Keeper Olli Kahn gekonnt den Rumpel-Fussball der Löw-Elf. Doch seit 2009 zelebriert Oliver Welke in der im ZDF laufenden «heute-show» mal lustvoll bitter, mal höhnisch-ironisch die hohe Kunst der Satire in einer schrägen Mischung aus «Verstehen Sie Spass» und «Polit-Barometer». In seinen besten Momenten erinnert das Ganze an die legendäre, bis heute unerreichte Münchner Lach- und Schiessgesellschaft.
Mathias RichlingEr ist inzwischen auch schon stolze 68 – doch von Betriebsmüdigkeit kann bei Mathias Richling, dem ungekrönten schwäbischen König der deutschen Polit-Satire, keine Rede sein. Seit 1974 bespielt der sprachmächtige Wortverdreher überaus erfolgreich deutschsprachige Bühnen. Und wer auf subtilen Witz statt dröhnendes Gepolter steht, ist bei dem feinnervigen Geist genau richtig. Zuletzt begeisterte er mit Programmen wie «Deutschland to go» und «Richling und 2084». Für jeden, der auf formvollendete Satire steht, ist der Mann ein Muss.

Dieter Nuhr
Seit Jahren gilt Dieter Nuhr als die Allzweckwaffe der öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands in Sachen Kabarett und Satire. Tatsächlich vermag es der Spötter gekonnt, etwa das Berliner Polit-Treiben als ein von gut bezahlten Amateuren unterm Bundesadler zelebriertes Betriebsfest Ahnungsloser zu demaskieren. Sätze wie «Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann habe ihn geschrieben» gehören bei ihm zu seinem Repertoire. Nu(h)r gut, dass es ihn gibt!

Keystone/DPA/
Marcel Kusch

Wischmeyer, offenbar von Haus aus ein kritischer Geist, in dem eine Frohnatur haust, entrollt mit Verve und Tempo in seinem Buch die anekdotenpralle Chronik seines Helden vom verkappten Konditor-Lehrling und passionierten Strassenteerspritzer bei einem von Deutschlands grössten Tiefbau-Unternehmen, der StrWAG, zum Fertighausdieb und Wohnwagenbesitzer. Angefangen bei der Heirat mit seiner Jutta, der Guten.

Die Episode der Heiratsvorbereitungen der beiden samt anschliessender Vermählung und Feier zählt zu einem der Höhepunkte des Buches. Denn wie es Wischmeyers Jedermann versteht, die eigene Heirat ganz nebenbei zur ertragreichen Geldbeschaffungsmassnahme umzufunktionieren, das ist grandios.

So reiht sich Anekdote an Anekdote: von Schrages kruden Bundeswehr-Erfahrungen, über seine Erlebnisse als Vollblut-Strassenarbeiter bis hin zu den tollen Jahren in Lisbeths «Bräustübchen», in dem eine Handvoll sympathisch bekloppter Szene-Grössen ihre aberwitzigen Lebensläufe regelmässig bei 12 bis 15 Frischgezapften Revue passieren lassen – in astreinem Proll-Deutsch wohlgemerkt.

Eine Sozialgeschichte deutscher Macken und Marotten

Dietmar Wischmeyer hat ein feines Ohr für den kruden Slang der sogenannten Kleinen Leute. Und während im Hintergrund wie eine Art Rolltapete vier Jahrzehnte deutscher Geschichte an uns vorüberziehen, angefangen in den frühen Achtzigern über den Mauerfall, erhöht sich die Pointen-Dichte dieser satirischen Nummern-Revue zum Ende hin enorm.

«Seid barmherzig. Das Leben ist schon schwer genug!» bekannte Kurt Tucholsky dereinst. Dietmar Wischmeyer hat es verstanden – und getreu Schrages Motto «träume nicht dein Leben, lebe deine Träume» – etwas wunderbar Leichtes daraus gemacht: Eine kleine Sozialgeschichte wechselnder bundesrepublikanischer Macken und Befindlichkeiten von damals bis heute.

Dietmar Wischmeyer: Begrabt meinen rechten Fuss auf der linken Spur. Roman. Rowohlt Berlin. 284 Seiten.

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