Der Humorvertreter

Höchst erfolgreich hat Thomas Meyer «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» beschrieben. Im neuen Buch reist er ins Jahr 1716 zu den «Langen» Kerls des preussischen Königs Friedrich Wilhelm I. Ein Treffen im Edelcafé.

Valeria Heintges
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Mit 177 Zentimeter Körpergrösse kein Fall für einen «Langen Kerl»: Der Zürcher Autor Thomas Meyer. (Bild: Lukas Lienhard)

Mit 177 Zentimeter Körpergrösse kein Fall für einen «Langen Kerl»: Der Zürcher Autor Thomas Meyer. (Bild: Lukas Lienhard)

Thomas Meyers Büro liegt an feinster Adresse: Bahnhofstrasse, Zürich, direkt am Paradeplatz. Hier, im ersten Stock des Cafés Sprüngli, ist er seit zwölf Jahren Stammgast, trinkt Tee und arbeitet. Ein edler, kein ruhiger Ort, aber das stört Meyer nicht.

Das Amt für Ironie

Kaum hat sich der Besuch gesetzt, hält Meyer ihm sein Smartphone vor die Nase und sagt: «Wir könnten damit anfangen.» «Damit» ist ein Online-Artikel einer Gratiszeitung, die unter dem Titel «Zürich findet Amt für Ironie nicht lustig» über einen Aufkleber auf Meyers Auto berichtet. Neben einem perfekt imitierten Stadtwappen steht auf der Beifahrertür: «Stadt Zürich», neue Zeile: «Amt für Ironie». Jetzt droht ihm eine Anzeige. Verstoss gegen das Wappenschutzgesetz.

«Das ist kein Amt, nur ein Witz», sagt Meyer barsch, genervt, dass er das ständig erklären muss. Er weiss genau, dass Witze, die man erklären muss, schlechte Witze sind. Er sagt sogar: «Witze kommen nur von unlustigen Menschen. Humorvolle Menschen sagen lustige Dinge, die anderen benötigen Witze.»

Erklärer des Judentums

Seit seinem Buch «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» ist Meyer so etwas wie der Humorvertreter der Deutschschweizer Literatur. Und gleichzeitig auch offizieller Erklärer des Judentums, «was wirklich lustig ist, weil ich echt keine Ahnung habe von dem Ganzen», sagt Meyer.

Das ist kokett, denn in «Wolkenbruchs Reise...» beschreibt er, wie sich Mordechai Wolkenbruch gegen die Heiratsabsichten seiner «Mamme» und das enge orthodoxe Milieu wehrt. «Ich bin einer, der bereit ist, Auskunft zu geben. Von denen, die besser Bescheid wissen, will offenbar keiner etwas sagen.»

Meyer äussert sich, und er tut es gern, gescheit und eloquent. Im Gespräch über sein neues Buch verraucht sein Zorn über die humorlosen Zürcher Ämter. In «Rechnung über meine Dukaten» hat sich Meyer wieder auf eine Reise begeben: Ins preussische Deutschland, ins 18. Jahrhundert. An den Hof Friedrich Wilhelms I., der als «Soldatenkönig» in die Geschichte einging, weil er das preussische Militär zu einer schlagkräftigen Armee aufbaute. Gleichzeitig gelang es ihm, den Staatshaushalt, den er völlig verschuldet übernommen hatte, zu sanieren. Das erstaunt umso mehr, als sich Friedrich Wilhelm I. einem teuren Hobby hingab: Dem Sammeln von grossgewachsenen Soldaten, den «Langen Kerls», die er in ganz Europa entführen liess.

Genüsslich beschreibt Meyer den etwas einfältigen und jähzornigen König, der jeden «Siebenfüsser» – heute würde man sagen: Zweimetermann – mit kindischer Freude in Empfang nimmt, betreut und ausbildet. Am Beispiel des jungen Gerlach beschreibt er, wie der König seine Kerls liebt, aber auch züchtigt und dafür die perfide Methode des Spiessrutenlaufs erfindet.

Auf das Thema stiess Meyer im «Lexikon für Exzentriker» des britischen Historikers Karl Shaw, der auf drei Seiten Friedrich Wilhelm I. vorstellt, «schön ironisch und auf sehr trockene Art erzählt». Meyer fand: «Eigentlich müsste man das ganze Thema in dieser Art abhandeln.»

Keine wissenschaftliche Arbeit

Also frass er sich durch Fachliteratur und reiste an die Schauplätze seines Werkes. «Geschichte interessiert mich sehr, sonst hätte ich mich nie mit diesen Details auseinandergesetzt.» Es ist ihm wichtig, historisch korrekt zu bleiben. Doch er ist auch selbstbewusst genug, um zu sagen: «Das ist ein historischer Roman, keine wissenschaftliche Arbeit. Da darf ich als Autor machen, was ich will.» Auch wenn, so seine Erfahrung, dieses Recht Schriftstellern oft abgesprochen werde.

Hinter der Danksagung an seinen «grossartigen Sohn Levi Max» listet Meier 32 Bücher auf, Titel wie «Alltagsleben einer deutschen Frau zu Anfang des 18. Jahrhunderts» oder «Das Tabakskollegium und die Zeit des Zopfes». Das Kollegium wird bei Meyer zum «Tabacs-Collegium». Denn wieder hat der 40-Jährige seiner Liebe zur Sprachfuchserei gefrönt. «Saget mal, wie gross ist eigentlich der Sachse, den Schmidt heute bringet?», fragt der König den «Geheimsecretair».

Nach jiddisch jetzt historisch

Meyer weiss, dass er Gefahr läuft, sich selbst zu kopieren. «Erst ein Buch mit jiddischen Wörtern, jetzt eines mit alten. Das darf nicht zur Masche werden. Ich habe mich zurückgehalten. Und im nächsten Buch reden sie deutsch. Ganz normal.» Es könnte in der Zukunft spielen. Oder ein ernstes Thema behandeln. Man wird sehen. Aber vorher hat Meyer eine neue Aufgabe: Er ist jetzt gefragt – als Fachmann für preussische Geschichte. Und für «Lange Kerls».

Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten, Salis 2014, 300 S., Fr. 29.90. Meyer liest am 12.9., 19 Uhr in der Evang.-ref. Kirche Rorschach aus «Wolkenbruchs Reise...»