Der Horizontsucher

Der seit Jahrzehnten in Marbach lebende Willi Keller malt rätselhafte Bilder, deren Faszination in ihren Feinstrukturen liegt – und die so eigenwillig sind wie ihr Schöpfer.

Rolf App
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Seine Bilder kommen von innen: Willi Keller vor einem seiner Werke in der Galerie Art d'Oséra in Diepoldsau. (Bild: Urs Bucher)

Seine Bilder kommen von innen: Willi Keller vor einem seiner Werke in der Galerie Art d'Oséra in Diepoldsau. (Bild: Urs Bucher)

DIEPOLDSAU. Auf der Fahrt in die Galerie reden wir übers Renovieren. 1982 hat der Kunstmaler Willi Keller sich in Marbach für wenig Geld ein Haus mit Scheune gekauft und in jahrelanger Arbeit instand gestellt. Er weiss, wie man Wände und Böden saniert, Leitungen legt, eine Küche einbaut. Sogar Fenster und Türen vermag er zu schreinern. Und sehr lebhaft erzählt er davon. Er ist ein Mann, der gern mit den Händen arbeitet, ein Tüftler mit Leib und Seele. Und: ein Mensch, der seine eigenen Wege geht. Auch im Künstlerischen.

In der Dosenfabrik

Wir sind jetzt angekommen in der Galerie Art d'Oséra in Diepoldsau, deren Name keineswegs dem Französischen entstammt. Nein, er hat einen ganz anderen Grund. Der grosse, helle Raum befindet sich im Gebäude der ehemaligen Sandherr Packungen, und die Diepoldsauer Belegschaft hat jene Fabrik, in der sie Dosen und Becher hergestellt hat, in ihrem Dialekt stets «Doosera» genannt.

Unten im Gebäude wird noch immer gearbeitet, und schriller Lärm dringt bis hinauf in die Galerie – die deshalb auch nur am Wochenende geöffnet ist. Aber die Geräuschkulisse passt gar nicht schlecht. Zum einen, weil von Willi Keller auch etwas handwerklich «Gschaffiges» ausgeht, dass er also unter den Arbeitern nicht weiter auffallen würde. Und zum andern, weil die enorme Ruhe seiner Bilder lebhaft kontrastiert zum Getöse um uns herum.

Es sind eigenartig fremde und zugleich anziehende Bilder, die Willi Keller malt. Es gibt darauf keine Menschen, dafür weite Horizonte. «Gelbes Feld», «Baum am Wasser», «geteiltes Meer», «Schwerkraft aufgehoben», «Keimlinge», «Peperoni auf Kornfeld», «Meerlichter» – die Titel sind korrekt und irreführend zugleich. Denn im Grunde sind es magische Landschaften und Objekte, denen er in seiner ganz eigenen Malweise eine Bühne verschafft.

«Ich mache keine Skizzen»

Wie entsteht so etwas? «Ich mache keine Skizzen, stelle mich hin, mache mich leer und trage die Farbe lasierend mit grossem Pinsel auf, das Motiv erscheint von selbst», sagt er. «Dann fängt die Arbeit an, die im Schnitt sechs Wochen dauert.» Bis zu fünfzehn Farbschichten trägt er auf, jede hauchdünn. «Das Bild soll transparent wirken», erklärt Willi Keller. «Das heisst auch: Bei meiner Ölmalerei bleibt alles sichtbar, auch der kleinste Fehler.» Wenn man nun ans fertige Bild tritt, dann offenbart dieses eine fast unendliche Vielfalt an Nuancen. In feinsten Abstufungen lösen sich die grossen Objekte auf, die manchmal zwar sehr realistisch sind, aber dafür in einen rätselhaft surrealen Raum gestellt werden. So werden sie lebendig, wirken zuweilen schillernd, ja leuchtend.

Eine grosse psychische Kraft

Vor Willi Kellers Bildern stehend, vergisst man die Zeit. Und ihre Titel. Es ist eine Malerei, die von innen kommt und die nach innen geht. Von ihr geht eine grosse psychische Kraft aus.

Dafür, dass da überall weite, unverstellte Horizonte ins Unendliche weisen, hat Willi Keller eine einfache Erklärung. «Ich bin 1944 geboren und in der so genannten Enge im schaffhausischen Beringen aufgewachsen», sagt er. «Da sucht man vor allem eines: die Weite.» Er meint das durchaus auch familiär. Denn mit dem Vater, einem Versicherungsagenten, hat er viele Konflikte ausgetragen. Sie zwingen ihn auch, eine nach der Kunstgewerbeschule begonnene Grafikerlehre wieder aufzugeben. Willi Keller muss Geld verdienen und findet ein Auskommen in der Psychiatrie. Als Psychiatriepfleger fängt er am Zürcher «Burghölzli» an, mit den Patienten gestalterisch zu arbeiten.

Trotzdem eigenständig werden

Diese Existenz ist befriedigend, aber vom Finanziellen her nicht immer leicht durchzuhalten, weil Willi Keller mittlerweile verheiratet und Vater zweier Söhne ist. Trotzdem folgt er 1972 dem inneren Ruf und nutzt die erste Ausstellung seiner Zeichnungen zum Absprung. Ab jetzt ist Willi Keller freischaffender Künstler, schlägt sich mit Nebenjobs durch, unterrichtet, illustriert Geschichten in der Zeitschrift «Penthouse», die damit ihren gehobenen Anspruch dokumentieren will. «3000 Franken habe ich da für eine einzige Zeichnung verdient», sagt er.

Ein-Mann-Kunstunternehmen

Was auch gegenüber der heutigen Situation geradezu fürstlich erscheint. 6000 Franken verlangt Willi Keller für seine grösseren Bilder. Rechnet man das auf die sechs Wochen um, bleibt – ein Mindestlohn. «Das geht nur, weil ich mir meine Wohn- und Arbeitsräume selbst geschaffen habe.»

Trotzdem: Willi Keller muss das tun, muss seine inneren Welten auf die Leinwand bringen. Über die Jahrzehnte hat sich im In- und Ausland ein breiter Kreis Interessierter gebildet, er hat sich seine eigene kleine Galerie gebaut, und er ist auch im Internet präsent. Er hat schon in vielen Galerien ausgestellt, sich aber nie vertraglich binden lassen – das würde den Preis seiner Bilder nur in die Höhe treiben. Willi Keller ist, was er sein will: Ein Ein-Mann-Kunstunternehmen, das sich nicht kümmert um das, was auf dem Kunstmarkt gerade angesagt ist. An der kommenden Schlossmediale auf Schloss Werdenberg ist er auch mit Texten präsent.

Unterwegs mit dem Kajak

Wir sind an diesem Punkt des Gesprächs wieder dort angekommen, wo wir begonnen haben. Wie Willi Keller beim Renovieren seine eigenen Wege geht, so tut er dies auch in der Kunst und im Leben.

Jetzt schliesst er hinter sich die Tür zur Galerie, wir fahren zum Bahnhof. Er erzählt vom Wasser, vom Kajakfahren, von der Weite des Meeres und des Bodensees. Hier findet er den weiten Horizont, den er malend sucht.

Galerie Art d'Oséra, Rheinstäpflistrasse, 9444 Diepoldsau, bis 17. Mai. Geöffnet Sa 17–20 und So 11–16 Uhr. Öffentliche Führung morgen Sonntag, 11 Uhr, mit Willi Keller. www.willikeller.ch

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