Der Hirsch schreit wie ein Mensch

«Im Töten lag eine absolute Faszination, und im Alter von elf Jahren hatte ich bereits zwei Hirsche erlegt und gab mich dem Blutrausch mit der gleichen Leidenschaft hin wie die anderen Männer meiner Familie.» Das sagte David Vann bei der Vorstellung seines neuen Romans «Goat Mountain» in Berlin.

Heiko Strech
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David Vann: Goat Mountain, Suhrkamp 2014, 270 S., Fr. 32.90

David Vann: Goat Mountain, Suhrkamp 2014, 270 S., Fr. 32.90

«Im Töten lag eine absolute Faszination, und im Alter von elf Jahren hatte ich bereits zwei Hirsche erlegt und gab mich dem Blutrausch mit der gleichen Leidenschaft hin wie die anderen Männer meiner Familie.» Das sagte David Vann bei der Vorstellung seines neuen Romans «Goat Mountain» in Berlin.

Autor ist Cherokee-Indianer

Der 1966 in Alaska geborene Cherokee-Indianer, heute Literaturprofessor in Neuseeland, hat mit düsteren Büchern international Erfolg. In «Goat Mountain» schildert der Ich-Erzähler von der Gegenwart her, wie er 1978 als kleiner Junge mit Grossvater, Vater und dessen Freund an einer Jagdexpedition in Nordkalifornien teilnimmt. Als die vier einen Wilderer in ihrem Revier entdecken, lässt der Vater den Jungen den ins Visier nehmen – und der Elfjährige erschiesst den Mann.

Was tun mit dem Toten? Verscharren? Mitnehmen und das Verbrechen melden? Die Jäger sind unschlüssig, hängen die Leiche im Camp auf wie einen Hirsch. Später schiesst der Junge noch auf einen Hirsch. Das Leiden der Kreatur, die sterbend schreit «wie ein Mensch», nimmt entsetzlich mit. Aber Vann schildert Grausames nicht als Selbstzweck-Horror-Show, sondern zielt im Sinne der griechischen Tragödie auf Katharsis – reinigende Erschütterung durch Erkenntnis der verdrängten dunklen Seite von uns allen. Übrigens hat der kleine David Vann in einer ähnlichen Szene nicht geschossen.

Zwischen den vier Jägern wachsen jähe Spannungen in der Auseinandersetzung um Mord und Schuld. Mit scharfen Wortwaffen, Fäusten und Messern gehen sie aufeinander los. Kain wühlt tief in ihnen.

Leitmotivisch bezieht sich Vann in den Kapitelanfängen auf die Bibel, auf Kain und Jesus. Bewusst lässt er uns auch in seinem neuzeitlichen Familiendrama die generationenübergreifenden Gewalttaten der griechischen Tragödien erahnen. Und «Goat Mountain» bezieht er auf die Bocksgestalt des Teufels. Mögen die mythischen Verweise auch mal zu demonstrativ erscheinen – sie geben der Romanhandlung des Jahres 1978 doch archaisch-zeitlose Tiefe. Andererseits zielt der unerbittliche Moralist Vann auf die Gegenwart der USA, wo der zivile Waffenmissbrauch triumphiert. Zu schweigen von Krieg und Terror unserer Tage.

Kraft der Sprache

Der Gewalt in seinem verstörend-ergreifenden Roman stellt Vann die Kraft der Sprache entgegen, übersetzt von Miriam Mandelkow: Grandiose Landschaftsbilder, erhaben-fern dem menschlichen Kains-Treiben. Knapp rhythmisierte Ellipsen, die das Grauen durch gemeisselte Form eingrenzen. «Das Muster, das der Wind ins Gras malte, den Hang hinauf in runden Schüben, die sich drehten und auffächerten und wieder verschwanden. Erst silbern, dann gelb, dann wieder silbern, dicht am Boden.»