Der Herzschrittmacher

2004 hat man ihn in Zürich ungnädig verjagt, sieben Jahre später hat er jetzt in Basel den Reinhart-Ring erhalten, die höchste Theaterauszeichnung der Schweiz.

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2004 hat man ihn in Zürich ungnädig verjagt, sieben Jahre später hat er jetzt in Basel den Reinhart-Ring erhalten, die höchste Theaterauszeichnung der Schweiz. In Basel hatte er auch seine ersten grossen Erfolge, legendär gewordene Stücke mit vertrackten Titeln wie «Wenn das Alpenhirn sich rötet, tötet, freie Schweizer, tötet» (1989) oder «Stägeli uf, Stägeli ab, juhee!» (1990). Oder, später in Hamburg, die Produktion, die ihm den Durchbruch in Deutschland brachte: «Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!» Den brachialen Titeln zum Trost ist Marthaler der wohl menschenfreundlichste Regisseur des zeitgenössischen Theaters. Es wird viel gesungen bei ihm, und die «Gsängli», die seine verschroben-liebenswerten Figuren auf der Bühne anstimmen, sind herzerweichend und zwerchfellerschütternd.

Andächtig und subversiv

Im Anfang war Christoph Marthaler, Jahrgang 1951, als Theatermusiker und Oboist unterwegs, am Zürcher Neumarkt und in der freien Szene. Und Musiker ist er als Regisseur geblieben. Seine langjährige Dramaturgin Stefanie Carp erklärt dieses Marthaler'sche Markenzeichen so: «Marthaler hat Visionen einer Schweizer Daseinsweise gefunden, gebunden an gemeinsam gesungene Schweizer Lieder, andächtig und in der Andacht dann subversiv, liebende und böse.» Marthalers singende Ensembles sieht sie als «Schicksalsgemeinschaften ohne Schicksal, sich abschliessende einsame Kollektive mit grotesker Sehnsucht nach irgendetwas.»

Lob des Unnützen

Seine Figuren sind Versager, vom Karren gefallene, tragische oder vielmehr träge Helden: «Beizenbrüter und Dämmermenschen», wie sie in einem neuen Buch über Marthaler genannt werden. Also das pure Gegenteil dessen, was in der Gesellschaft sonst etwas gilt. Theater gegen das Nützlichkeitsdenken – das wurde ihm in Zürich, der Stadt des Geldes, prompt zum Verhängnis. 2001 ans Schauspielhaus berufen, polarisierte er mit Stücken wie «Hotel Angst» oder «Groundings». Seit seinem Abgang 2004 ist Marthaler wieder freischaffend, inszeniert an renommierten Festivals wie den Wiener Festwochen oder 2010 in Avignon, wo er im Ehrenhof des Papstpalasts eine umwerfende Farce auf die Kirche namens «Papperlapapp» inszeniert hat.

Der Mann mit dem strubligen Bart und den listigen Augen sieht sich selber nicht als Regiestar, vielmehr als «Animator». Was er könne, sei, Menschen zu motivieren, sagt er von sich. So hat er über die Jahre eine verschworene Truppe um sich geschart, die sich als «Marthaler-Familie» versteht. Sie erfindet mit ihm zusammen jene so kurligen wie tiefsinnigen Szenen, die das Marthaler-Theater unverwechselbar machen. Und die in ihrer Mischung aus Melancholie und Lächerlichkeit schweizerischer sind, als manchen Schweizern lieb ist.

In Basel hat in einer Woche seine nächste Produktion Premiere. Sie heisst «Lo stimolatore cardiaco», «Herzschrittmacher», und benutzt Musik von Verdi. Das Herz des Theaters hat Marthaler in den letzten drei Jahrzehnten schon mal zünftig in Trab gebracht. (Su.)