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Der Unbeirrbare: Künstler Bernard Tagwerker erhält Kulturpreis

Mit Bernard Tagwerker zeichnet die St. Gallische Kulturstiftung einen radikal eigenständigen Künstler aus. Seit über 30 Jahren zieht er keinen Strich von Hand, sondern lässt den Computer und den Zufall für sich arbeiten.
Christina Genova
Bernard Tagwerker mit einem seiner beiden Flachbettplotter. (Bild: Hanspeter Schiess (St. Gallen, 28. November 2018))

Bernard Tagwerker mit einem seiner beiden Flachbettplotter. (Bild: Hanspeter Schiess (St. Gallen, 28. November 2018))

Wie Dinosaurier stehen zwei grosse Plotter in Bernard Tagwerkers Atelier. Unverrückbar, verlässlich. Die spätherbstliche Sonne wirft ihr fahles Licht auf diese Ungetüme aus einer anderen Zeit. Architekten und Ingenieure arbeiteten in den 1980er-Jahren mit diesen computergesteuerten Druckern und stellten damit Zeichnungen und Grafiken her.

Am Markt konnten die Geräte nicht bestehen: «Sie sind so ­solide gebaut wie Traktoren», sagt Bernard Tagwerker. Für den Künstler, der morgen von der St. Gallischen Kulturstiftung den mit 20'000 Franken dotierten Kulturpreis erhält, sind die Plotter bis heute das wichtigste Arbeitsinstrument. Sie wurden damals von der Firma Wild in Heerbrugg produziert und kosteten über 100'000 Franken. Bernard Tagwerker wollte einen und bekam ihn: Er realisierte ein Kunstwerk in der Cafeteria der Firma und der Tauschhandel war perfekt.

Seiner Zeit voraus

Dank des Plotters kann Bernard Tagwerker Werke ausführen, ohne selbst einen einzigen Strich zu zeichnen oder zu malen. Das technische Gerät ist für ihn ein Filter:

«Ich will in meiner Kunst nicht so viel von meiner Person, meiner persönlichen Befindlichkeit rüberbringen. Ich will objektive Kunst.»

Was ihm noch bleibt, ist das Programmieren von wenigen Vorgaben, die über den Zufallsgenerator des Rechners ausgeführt werden. Dazu kommt die Wahl des Trägermaterials, des Schreibgeräts oder der Farbe. Radikal ist ein Adjektiv, das in Zusammenhang mit Bernard Tagwerkers Schaffen immer fällt. Radikal übermalt er 1976 alle seine bestehenden Arbeiten und bricht nach New York auf. Konsequent setzt er von nun an bei seinen künstlerischen Entscheidungen ganz auf den Zufall: würfelt oder zieht Lose, um den Verlauf einer Linie oder die Farbfolge zu bestimmen. Immer wieder ist er Pionier: Ab 1985 arbeitet er ausschliesslich mit dem Computer. Auch mit dem 3D-Druck beschäftigt er sich schon seit 30 Jahren. Und in den 1990er-Jahren belegt er an der ETH Zürich Kurse zu neuronalen Netzen. Heute nennt man das künstliche Intelligenz.

Bernard Tagwerker zeigt Papierarbeiten, die er aus seinem Kunst-am-Bau-Projekt für die Schulanlage Botsberg in Flawil 1999 entwickelt hat. (Bild: Hanspeter Schiess, 28.11.2018)

Bernard Tagwerker zeigt Papierarbeiten, die er aus seinem Kunst-am-Bau-Projekt für die Schulanlage Botsberg in Flawil 1999 entwickelt hat. (Bild: Hanspeter Schiess, 28.11.2018)

Auf einem der Plotter sieht man einen Karton mit Spiralen. Es sind sogenannte Bézierkurven, die zum Beispiel bei der computergestützten Konstruktion (CAD) zur Anwendung kommen. Die vier Punkte, welche diese Kurven definieren, werden vom Computer nach dem Zufallsprinzip gesetzt und dann von einem Laser in den Karton gebrannt: «Mir passt, dass es berührungslos funktioniert», sagt Bernard Tagwerker. Ganz zufrieden mit dem Resultat ist er jedoch nicht. Die Oberflächen sind ihm noch nicht sinnlich genug. Der Einbau eines Lasers ist die neuste Anpassung, die der Tüftler an seinem Plotter vorgenommen hat. Auch Fräsen, Druckluft oder Pinsel hat der Künstler schon eingebaut.

Das Atelier war lange tabu

Seit 1985 lebt und arbeitet Bernard Tagwerker an der Rittmeyerstrasse in St. Gallen, seit er von New York in die Schweiz zurückgekehrt ist. Der zurückgezogen lebende Künstler vergräbt sich heute noch, mit 76 Jahren, täglich stundenlang in seine Arbeit. Bis vor zehn Jahren wäre ein Besuch bei ihm im Atelier kaum möglich gewesen. Nur einer Handvoll Leuten gewährte er Zutritt:

«Das Atelier ist intimer als das Schlafzimmer.»

Das ist heute anders. Er sei halt älter und weiser geworden, sagt er mit der für ihn so ­typischen Selbstironie, die während des Gesprächs immer wieder aufblitzt. Auch die wirtschaftliche Notwendigkeit hat ihn dazu gezwungen: Zu Galerien besteht nur ein loser Kontakt. Bis heute findet er es schwierig, sich selbst zu «verkaufen».

Aus den grossen Atelierfenstern im zweiten Stock sieht man direkt auf die Gräberfelder des Friedhofs Bruggen. Das passt, denn wer sich mit Bernard Tagwerkers Arbeiten befasst, der kann metaphysischen Fragen nicht ausweichen. Wie der Frage danach, wer oder was die Schönheit schafft, die seinen zufälligen Schöpfungen innewohnt.

Preisverleihung morgen, 6.12.18, 18.30 Uhr, Lokremise St. Gallen.

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