Der Mann ist erschöpft, die Helden haben abgedankt: Das behaupten drei Männer im Landesmuseum

«Der erschöpfte Mann» heisst die neue Ausstellung im Landesmuseum – provokativ wie doppeldeutig. Sie macht nicht nur Frauen Spass.

Sabine Altorfer
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Der griechische Held Laokoon kämpft bis zur Erschöpfung. Vergeblich.

Der griechische Held Laokoon kämpft bis zur Erschöpfung. Vergeblich.

Antikenmuseum Basel

Die Besucherin steigt die lange, lange Treppe hoch im Landesmuseum und sieht weit oben den antiken Helden in gleissendem Weiss. Nackt, ein muskelbepackter Paradeathlet. Doch Laokoon strahlt nicht. Er kämpft. Um sein Leben und das seiner Söhne. Aber er hat keine Chance gegen die Schlange. Sie war bei den alten Griechen übrigens nicht Eva, das verderbliche Weib, sondern die Strafe von Apollon, weil der Priester Laokoon im Tempel des Apollon mit seiner Frau Sex hatte.

Laokoon mit einem schmerzverzerrten Gesicht, seinem Scheitern wegen eines Tabubruches und seiner Ohnmacht ist für die Kuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel der passende Auftakt zur Ausstellung «der erschöpfte Mann», einer Kulturgeschichte des Mannes und seiner Rollen. «Laokoon war der Erste, der in der griechischen Antike nicht mehr als Held dargestellt wurde», erklärt Steiner.

Wie schnell Helden bis heute fallen können, machen die Gastkuratoren mit der Filmprojektion hinter der Laokoon­gruppe klar. Hier spielt Zinédine Zi­dane auf. «Der eleganteste Fussballer um die Jahrtausendwende» (so Steiner), der 2005 trotz 17 Filmkameras ein Foulspiel begeht, einen gezielten Ellbogenrempler. Mit hängendem Kopf muss er vom Platz.

Und auch an der WM 2006 in Berlin muss Zinédine Zidane vom Platz.

Und auch an der WM 2006 in Berlin muss Zinédine Zidane vom Platz.

Getty

Protz und Potenzangst

Ihre Potenz und die Angst, sie zu verlieren, treibt die Männer offensichtlich seit jeher um und an. Das schwingt mehr oder weniger untergründig durch die ganze Ausstellung. Bei den stolzen Rittern und mittelalterlichen Darstellungen des schönen Geschlechts – das waren damals die Männer! – werden zwar übliche Rüstungen gezeigt, das Augenmerk aber auf ein pikantes Detail gerichtet: die Schamkapsel. Dieses Blech wurde zum Schutz, aber auch zum Protz getragen. «Davon liegen Schubladen voll in den Museumssammlungen», meint Steiner verschmitzt. Ja, in Rom hat die Schreiberin sie mal nicht nur in profaner Blechausführung, sondern auch reich geschmückt gesehen.

Die Mode für das schöne Geschlecht zielte im Mittelalter auf das Geschlecht: Herrenporträt Matthäus Knecht. 1548.

Die Mode für das schöne Geschlecht zielte im Mittelalter auf das Geschlecht: Herrenporträt Matthäus Knecht. 1548.

Zvg / Schweizerisches Nationalmuseum /

Wie Männer heute reagieren würden, sollten sie ihr Geschlechtsteil dermassen prominent der Öffentlichkeit präsentieren? Heute, da Jogger ihre engen Leggings mit lockeren Turnhosen tarnen? Irgendwo – vielleicht im vatikanischen Museum – gebe es sicher Schubladen voll abgeschlagener Pimmelchen, witzelt Steiner. In Zeiten der grossen Prüderie wurden den antiken und klassischen Männerstatuen ja Feigenblätter montiert – und da störten die aufstehenden Teilchen darunter.

Doch zurück zu den Rittern: Sie landeten bei Turnieren ziemlich abrupt im Sand und ihr Nimbus in der Mottenkiste der Geschichte. Ein bisschen länger gehalten hat sich ihr von der Kirche proklamiertes Gegenideal: der asketische, der leidende Mann. Vorbild waren die ausgemergelten Körper von Johannes dem Täufer und dem gekreuzigten Jesus, als ihre Nachfolger plagten sich die Märtyrer und die zölibatären Priester. Und es wäre wohl nicht falsch, die heutigen Bulimie-Jünglinge in diese Entwicklungslinie zu stellen. Ob auch für sie die Losung und Erklärung der Kirche gilt, die uns der Audioguide erzählt? Je gestählter und attraktiver der Körper eines Mannes ist, desto stärker sei er den sündhaften Kräften der Erotik ausgeliefert.

Wie das mit diesen Trieben, mit der Verbindung von Geist-Körper-Seele, funktioniert, wurde ab dem 19. Jahrhundert intensiv untersucht. Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche grüssen hier ebenso wie die Rassentheoretiker. Die Männer sind die dominante Spezies. Aber ohne die Frau sind sie nichts als eine Maschine, eine Junggesellenmaschine. Diese These ist üppig illustriert, und spätestens hier ist die Besucherin dankbar über die Tablets, die über jedes Werk informieren. Wie sonst sollte man die abstrusen Modelle der Surrealisten oder Alberto Giacomettis Skulptur der drei Frauen verstehen, die jahrzehntelang unsere Hunderternote schmückte. «Le Sphinx», so erfährt man, endlich und erstaunt, schuf er nach der Schliessung seines gleichnamigen Pariser Lieblingsbordells.

Männersicht und Frauenwerk

Solche Funde über Sündenfälle und Marotten grosser Männer verpassen der Ausstellung einen leicht ironischen Unterton. Wäre «der erschöpfte Mann» von einer Frau kuratiert, man würde ihr süffisante Männerfeindlichkeit und feministische Voreingenommenheit vorwerfen. Der Schriftsteller Stefan Zweifel und der Ausstellungsmacher Juri Steiner können zusammen mit Landesmuseumschef Andreas Spielmann einen solch provokanten Titel setzen und die Heldenbilder glaubwürdig hinterfragen. Aber damit es klar ist: Es geht ihnen nicht um die Demontage des Mannes, sondern um die Wechsel des Männerbildes in der westlichen Kulturgeschichte. Was meint, dass sich Helden und Rollenbilder erschöpften – und immer wieder neue entstanden. Im Wort erschöpft steckt ein Erschöpfer.

Neuerdings auch eine Erschöpferin. Im 20. Jahrhundert packten die Frauen die Definition von gesellschaftlichen Werten definitiv und wirksam selber mit an. Den allzeit zum Vernaschen bereiten Häschen der Männerzeitschrift «Playboy» stellte Sarah Lucas ihre «Pauline Bunny» entgegen. Eine hässliche, in Strümpfe verpackte Karikatur aus phallischen Gliedern und schlaffen, nach unten hängenden Ohren. Louise Bourgeois, die grosse Dame der feministischen Kunst, steckte sich eine eindeutig-zweideutige Skulptur fürs Fotoshooting schelmisch lächelnd – unter den Arm. Doch auch Männer selber nehmen es spielerisch und sehen Selbstoptimierungspotenzial. Fotokünstler Jürgen Teller zeigt ein grossformatiges Selbstporträt und notiert, was er mit Fotoshop an sich verbessert haben möchte: anderer Kopf, schönere Haut, Bauch weg…Eine so witzige wie zeitkritische Selbstdemontage.

Selbstporträt von Jürgen Teller mit Optimierungsanweisungen.

Selbstporträt von Jürgen Teller mit Optimierungsanweisungen.

Jürgen Teller

Buchstabenmenschen und Mischwesen

Die Männerbilder sind in den letzten 50 Jahren generell ziemlich ins Wackeln geraten. Eine Promi-Fotogalerie fächert das Spektrum auf: Protzer und Playboy, Softie und Transmensch, Schwuler und Familienvater. Ebenso hat sich die Dialektik männlich-weiblich aufgeweicht. Die Vielfalt der Rollen wurde in Andy Warhols Factory vor 50 Jahren schon so gelebt und ist heute als LGBTQ oder LSBTTIQ (lesbische, schwule, bisexuelle, Trans, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen) zur neuen Norm geworden – oder zumindest auf dem Weg dazu. Die Menschen – «mit welchen Buchstaben sie sich auch immer definieren» (so Zweifel) – haben also die Qual der Wahl. Doch welche Rolle ist die richtige? Gibt es solche, die sich endgültig erschöpfen und andere, die dominieren werden? Steiner und Zweifel schauen mit einem gekonnten Trick in die Zukunft: mit einem Rückgriff auf die Antike. Auf den Hermaphroditen, die Verschmelzung von Hermes und Aphrodite, mit weiblichen Körperformen und männlichen Genitalien.

Der Hermaphrodit erträumt die neuen Rollen und Möglichkeiten.

Der Hermaphrodit erträumt die neuen Rollen und Möglichkeiten.

Landesmuseum

Dieses schöne Mischwesen liegt schlafend auf seiner marmornen Ma­tratze, seine Traumbilder – unsere Zukunftsbilder? – lassen die Ausstellungsmacher in kurzen Sequenzen aus bekannten Spielfilmen aufleuchten. James Dean steht liebreizend zwischen Mann und Frau, Brad Pitt zeigt sein Sixpack als Handwerker mit Hammer auf dem Dach, eine Surferin und ein Surfer verkörpern ihre verwandten Traumwelten und Cate Blanchett mimt den jungen androgynen Bob Dylan. Alles ist möglich – und gut. Wir können dem Hermaphroditen, den Männern und uns allen also schöne Träume und schöpferische Tage wünschen.

Der erschöpfte Mann Landesmuseum Zürich, bis 10. Januar 2021.