Der grosse Inspirator

Gestern hat der Dirigent Simon Rattle seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. In drei Jahren wird er die Berliner Philharmoniker abgeben und zu neuen Ufern aufbrechen.

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Der Lockenkopf ist weiss geworden, doch noch immer dirigiert er mit Hingabe und Schwung: Simon Rattle. (Bild: epa/Jonathan Brady)

Der Lockenkopf ist weiss geworden, doch noch immer dirigiert er mit Hingabe und Schwung: Simon Rattle. (Bild: epa/Jonathan Brady)

Freitag, 22. August 2014, Lucerne Festival. Am Samstagabend steht Luciano Berios «Coro» für vierzig Stimmen und Orchester auf dem Programm des Sinfoniekonzerts, Simon Rattle wird das Lucerne Festival Academy Orchestra und den dazugehörenden Chor leiten. Jetzt, am Tag zuvor, stehen lange Schlangen an, um zu hören, was er über das Stück zu sagen hat. Der Eintritt ist frei, man muss nur einen Platz finden – was nicht ganz leicht ist. «Lucerne Festival 40min» heisst das Format, an dem es keinen Dresscode gibt, und zu dem ganze Familien strömen.

Die Gewalt und das Leben

Zusammen mit Chor und Orchester macht Simon Rattle gekonnt Lust auf neue Musik. «<Coro> ist eines der Meisterwerke des 20. Jahrhunderts», sagt er, «Luciano Berio holt Geräusche und Klänge aus allen möglichen Ecken herein. Auch von der Gewalt erzählt dieses Stück; aber auch, wie wir leben und lieben.» Immer wieder streut er Witze ein, stellt Musiker und Sänger vor, erzählt Geschichten. Und fühlt sich auch nicht gestört, wenn irgendwo im Saal ein Kleinkind schreit. Simon Rattle lächelt, denn das ist ebenso Leben, wie die Musik Leben ist.

Dirigent und Vermittler

Die Zuhörer sind sehr angetan. Sie können gut verstehen, dass Simon Rattle, der gestern seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hat, zu den Superstars der klassischen Musik zählt. Denn er ist nicht nur ein begnadeter Dirigent, er ist auch ein ebenso talentierter Vermittler.

Seit zwölf Jahren leitet der gebürtige Brite die Berliner Philharmoniker, nachdem er zuvor das City of Birmingham Symphony Orchestra bekannt gemacht hat. Eigentlich hat er also alles erreicht – und könnte mit diesem Spitzenorchester einfach noch zehn, zwanzig Jahre weitermachen. Denn als Dirigent ist er ja noch ziemlich jung – und bei den selbstbewussten Philharmonikern ganz gut gelitten.

Das allerdings ist nicht nach Rattles Geschmack. 2018 wird er seine Chefposition in Berlin aufgeben, schon diesen Mai will die «Demokratie der Kaiser», als die Rattle das Orchester bezeichnet hat, seine Nachfolge regeln.

Was macht die guten Dirigenten aus? «Sie müssen hungrig auf etwas sein», hat Simon Rattle dazu einmal gesagt. Und: «Ich denke, um heute ein Orchester wie die Philharmoniker zu leiten, braucht der Dirigent eine gehörige Portion Grossmut, ausserdem Liebe, Spass, Freude, Inspiration, Begeisterung.»

Nichts ist selbstverständlich

Diese Begeisterung strahlt Rattle in Luzern aus. Es ist nichts Elitäres in seinem Gebaren. «Wir müssen uns immer daran erinnern, dass unsere Existenz nicht selbstverständlich ist, ebenso wenig wie die unserer Kunst», hat er in einem Interview erklärt. Die Musik dürfe nicht jenseits der Gesellschaft agieren. Denn: «Musik kann Barrieren niederreissen.»

Tiefbewegte Musiker

Wie das geht, hat Rattle mit vielen Projekten gezeigt. Zum Beispiel mit «Rhythm Is It!», in dem fast 250 Schulkinder aus 25 Nationen Igor Strawinskys Ballett «Le Sacre du Printemps» getanzt haben. «Die Musiker waren begeistert, glücklich und tiefbewegt», hat Rattle danach erzählt. Er sehe «tolle Möglichkeiten für die Zukunft».

Man muss junge Menschen nur dort abholen, wo sie sind. Das ist Simon Rattles Botschaft.