Der grosse Fabulierer

Heute jährt sich Federico Fellinis (1920–1993) Todestag zum zwanzigstenmal. Der italienische Autorenfilmer war bereits zu Lebzeiten ein Mythos.

Andreas Stock
Drucken
Teilen
Federico Fellini während der Dreharbeiten zu seinem Film «Amarcord», 1973 in Rom. (Bild: akg)

Federico Fellini während der Dreharbeiten zu seinem Film «Amarcord», 1973 in Rom. (Bild: akg)

Er gilt als einer der bedeutendsten italienischen Regisseure. Mit mehreren Meisterwerken hat sich Federico Fellini in die Filmgeschichte eingeschrieben, sein Einfluss auf Generationen von Filmemachern ist unschätzbar. Zwanzig Jahre nach seinem Tod ist Fellini immer noch gegenwärtig: Der Flughafen seiner Heimatstadt Rimini sowie zahlreiche italienische Restaurants weltweit sind nach ihm benannt. Die Begriffe «dolce vita» und «Paparazzi» aus dem Film «La dolce vita» (1960) haben Eingang in unseren Wortschatz gefunden. Und die Umschreibung «fellinesk» wird immer noch verwendet, um eine groteske Situation oder eine skurril-absurde Personenkonstellation zu beschreiben.

Eine markante Handschrift

Dem jungen Kinopublikum sagt der Name des Regiemeisters zwar oft nur noch wenig, und bloss ein Teil seiner Filme ist auf DVD zugänglich. Dabei lässt das moderne italienische Kino einen Filmmagier seines Kalibers vermissen. Es ist nicht so, dass das cineastische Universum des Maestros in seiner Heimat keine Erben gefunden hätte. Immer wieder mal begeben sich Regisseure auf die Spuren Fellinis. Regisseur Paolo Sorrentino realisierte mit seinem «La grande bellezza» dieses Jahr ein furioses Kinostück, dass sich wie lange kein italienisches Werk mehr auf Fellini bezieht. Doch eine derart stilistisch ausgeprägte Handschrift, eine lustvolle Experimentierfreude am Fabulieren und Erzählen, wie sie Fellini über vier Jahrzehnte kontinuierlich demonstrierte, sucht man vergebens. Der liebevolle Spott, mit dem er die katholische Kirche bedachte, sein wonnevoller Blick auf üppige Frauenkörper, die satirische Zeichnung von Aristokratie, Medien- und Konsumwelt, sie gehörten mit zu den bevorzugten Sujets im skurrilen, phantastischen Kosmos dieses grossen Zirkusdirektors, der umso mehr die Manege und Variétés mit ihren Gauklern und Artisten liebte.

Den Neorealismus mitgeprägt

Die Literatur über Fellini ist umfangreich. Die starken autobiographischen Bezüge sowie die stilistischen Phasen sind ausführlich analysiert: Vom neorealistischen Frühwerk zur Übergangsphase der poetisch-realistischen Filme bis zum Spätwerk und dessen barocker Opulenz. Fellini hat sich stets gegen solche Kategorisierungen gewehrt. Er war auch ein Meister der Selbstinszenierung, wie ein anderer grosser Kinomagier, US-Regisseur Orson Welles. «Meine Kindheit, meine Erinnerungen, meine Sehnsüchte, meine Träume. Ich habe sie mir fast alle erfunden, allein um das Vergnügen zu haben, sie erzählen zu können», sagte er. So diente ihm auch die eigene Kindheit in Rimini – geboren wurde Fellini am 20. Januar 1920 – zwar als Inspiration für autobiographisch gefärbte Filme wie «I vitelloni» (1953) oder der wunderbare «Amarcord» (1973), aber Fiktion und Realität vermischen und beflügeln nicht nur die Drehbücher, sondern auch Ausschmückungen der eigenen Biographie. Zum Film kam Fellini nach der Tätigkeit als Karikaturist und Journalist Anfang der 40er-Jahre in Rom. Im Italien der Nachkriegszeit herrschte eine Aufbruchstimmung, man wollte sich auch künstlerisch vom Faschismus befreien. Zusammen mit Regisseuren wie Roberto Rossellini, Vittorio De Sica oder Luchino Visconti prägte der junge Fellini in den folgenden Jahren den italienischen Neorealismus – ein bedeutendes Kapitel europäischer Filmgeschichte.

Phantasie kommt vor Realität

Nach ersten Regiearbeiten verlor Fellini zunehmend das Interesse an diesem der Wahrheit verpflichteten, moralischen Kino. «La strada» (1954) galt dann in den Augen vieler Neorealisten als Verrat an ihren Idealen. Doch es war der Anfang zu einem Kino, mit dem er einer der grossen Geschichtenerzähler wurde. Die träumerische Vorstellungskraft und die Macht der Phantasie wurden ihm wichtiger als das Abbilden von Realität. «Es ist nicht nötig, dass die Dinge, die man zeigt, glaubwürdig sind. Das, was glaubwürdig sein muss, ist die Emotion, die man beim Sehen fühlt», argumentierte Fellini. Er wurde ein «Realist des Phantastischen», wie es ein Kritiker formulierte. Selbst in seinen «Dokumentarfilmen» wie «Rom, offene Stadt» oder «Intervista» vermischen sich Realität und Phantasie.

Opulente Bilderbögen, magische Sequenzen und skurrile Figuren prägten zunehmend sein Schaffen. Die Freude am Nebensächlichen, an der fabulierenden Abschweifung, an den grotesken Traumwelten, die sich im Leben spiegeln, sie erhalten in den 70er- und 80er-Jahren ein so grosses Gewicht, dass man ihm seine unbändige Fabulierlust öfter vorhielt.

Die Zeit und ihre Spuren

Von Kritik wurde der Maestro übrigens nie verschont. Da gab es teils wüste Beschimpfungen, obwohl insbesondere das italienische Publikum Fellini zeitlebens vergötterte und er für viele seiner auch zwiespältig aufgenommenen Filme mit internationalen Auszeichnungen überhäuft wurde, darunter vier Oscars. Wenn heute zum Todestag wieder einige seiner Filme im Fernsehen gezeigt werden oder man sich den einen oder anderen auf DVD ansieht, wird einem ihr würdevolles Altern nicht entgehen. Das mäandernde Erzählen und das getragene Tempo entsprechen wie bei anderen Filmen aus dieser Zeit nicht mehr heutigen Sehgewohnheiten. Und die überbetonte Künstlichkeit mancher Szenerien und ihre theatralischen Zuspitzungen verzaubern auch nicht mehr in jenem Masse wie einst.

Das alles schmälert den Stellenwert von Federico Fellini und die Meisterschaft seines Erzählens keineswegs. Und wenn es darum ginge, unter seinen Filmen jene drei auszuwählen, die man gesehen haben muss, dann fällt das zwar gar nicht leicht. Trotzdem eine Dreier-Auswahl.

La strada, 1954

Obwohl das Drama um das herzensgute Mädchen Gelsomina, das an den brutalen Kraftprotz Zampano verkauft wird, im ärmlichen Italien der 50er-Jahre spielt, ist dies eine zeitlose Parabel um Liebe und Aufopferung. Angesiedelt im Milieu des fahrenden Volkes und unter Artisten, berührt er bei allem Realismus als poetische Erzählung mit Bildern von christlicher Symbolik. Im Vergleich zu späteren Arbeiten einer der kargsten Filme Fellinis. Gelsomina erscheint wie eine Schwester des Tramps bei Chaplin, mit ihren grossen traurigen Augen, die durch die Clownschminke betont werden. Ein Gesicht, dass man nie mehr vergessen wird. «La strada» erhielt über 50 Auszeichnungen, darunter den «Oscar». Er markierte den Beginn seiner internationalen Karriere und machte Anthony Quinn und Fellinis Ehefrau Giulietta Masina berühmt. Einer der bewegendsten, schönsten Filme Fellinis.

La dolce vita, 1960

Nach den Tagedieben, Prostituierten, Gaunern und Artisten beschäftigte sich Fellini hier erstmals mit Menschen aus einer mondänen Welt. Aristokraten, arrivierte Künstler sowie Stars aus dem Showbusiness lassen sich in einem vergnügungssüchtigen Rom dahintreiben. Alle jagen sie dem süssen Leben nach, suchen die Liebe, ohne sie zu finden.

Marcello Mastroianni spielt einen Klatschreporter, der sich mit dem Fotografen Paparazzo – er wird einem ganzen Berufsstand den Schmähnamen geben – mittreiben lässt. Der dreistündige Film löste bei der Premiere heftige Reaktionen aus, wurde als «amoralisch» bezeichnet. Doch «La dolce vita» wurde ein grosser kommerzieller Erfolg und vielfach ausgezeichnet. Die berühmteste Szene: Das Bad von Anita Ekberg im Trevi-Brunnen.

Otto e mezzo, 1963

Regisseur Anselmi (Marcello Mastroianni als Alter ego von Fellini) steckt in einer Lebens- und Schaffenskrise. «Achteinhalb» gilt als eine Art Autobiographie der Krise des Regisseurs. Fellini bricht endgültig mit der linearen Erzählung, pendelt zwischen Erinnerungen und Gegenwart, lässt das Leben Anselmis immer mehr durch seine Träume und Innenwelt überlagern. Die Erzählung ist episodischer, die Bildkompositionen unkonventioneller. So ein «Film im Film» war neu – und machte Schule: Zahlreiche Filmemacher liessen sich zu Selbstreflexionen über ihre Arbeit inspirieren. Darunter Woody Allen mit «Stardust Memories», Jean-Luc Godard mit «Le mépris», François Truffaut mit «La nuit américaine» oder Wim Wenders mit «Der Stand der Dinge».

Film im Film: «Otto e mezzo», 1963. (Bild: pd)

Film im Film: «Otto e mezzo», 1963. (Bild: pd)

Der erste Oscar: «La strada», 1954. (Bild: pd)

Der erste Oscar: «La strada», 1954. (Bild: pd)

Ein Kassenhit: «La dolce vita», 1960. (Bild: pd)

Ein Kassenhit: «La dolce vita», 1960. (Bild: pd)