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«Der grosse Diktator» in Bern: Charlie Chaplin für die Bühne

Zum ersten Mal steht «Der grosse Diktator» in Bern auf einer deutschsprachigen Bühne. Darsteller Gabriel Schneider gibt für seine Chaplin-Nummer alles. Um ein Wagnis zu sein, fehlt es der Regie von Cihan Inan aber an Wagemut.
Julia Stephan
Gabriel Schneider (vorne rechts) als grosser Diktator mit seiner uniformierten Entourage. (Bild: Annette Boutellier)

Gabriel Schneider (vorne rechts) als grosser Diktator mit seiner uniformierten Entourage. (Bild: Annette Boutellier)

Die Zeiten für Heilsversprecher, Kriegstreiber und Populisten stehen gut. Auch deshalb erleben düstere Stoffe, die sich von den kiegszerfressenen Rändern der Zwischenkriegszeit nähren, gerade einen Bühnen-Boom. Am Theater St. Gallen steht Nick Whitby’s Nazikomödie «Sein oder nicht sein» nach dem Film von Ernst Lubitsch (1942) auf dem Programm. Am Theater an der Winkelwiese in Zürich wird Blaise Cendrars Amokläufer «Moravagine» im November mit seinen morphiumgetränkten Absolutheitsfantasien Schauer über die Zuschauerrücken jagen.

In Bern bellte am Samstag «Der grosse Diktator» wieder Hass in die Welt. Die Familie Chaplin hatte Schauspieldirektor Cihan Inan ihr OK gegeben, den Filmstoff erstmals auf einer deutschsprachigen Bühne zu zeigen.

Die leeren Worthülsen der Ideologie

In einer schwarz-weissen, geometrisch gebauten Welt mit Barackengerippe im Hintergrund (Bühnenbild: Konstantina Dacheva) steht Gabriel Schneider als jüdischer Frisör und Satire-Hitler Adenoid Hynkel. Verletztlicher als Charlie Chaplin, aber unglaublich präzis bellt er die pseudodeutschen Satzfetzen, die leeren Worthülsen der Ideologie («Demokratie Schtonk!»). Auf die weiss geschminkten Totengesichter der Gehilfen, Propagandaminister Garbitsch (Jürg Wisbach) und Kriegsminister Hering (Stefano Wenk), fällt kaltes Licht. Es ist eine tote Welt ohne Zwischentöne und scharfen Schlagschatten, die Inan dem Menschengewusel im Film entgegensetzt. Wen und was wollen die Sturmtrupps da noch zusammenschlagen?, fragt man sich. Der schöne Schein von Hitlers Auftritten ist abgeschminkt. Die festliche Volksmenge huldigt dem Führer übers knatternde Tonband. Das Baby wird von der in Trauerkleider gehüllten deutschen Mutter fürs Propagandabild nicht stolz an den Führer gereicht, sondern ihr brutal entrissen. Und Hynkels Sekretärin (Gina Lorenzen) stürzt sich wie ein programmierter Stutenroboter wiehernd auf den Führer. Es sind die «Maschinenmenschen, mit Maschinenköpfen, und Maschinenherzen», wie Chaplin die Faschisten in seiner berühmten Schlussrede so treffend beschreibt.

Unter dem Diktat des filmischen Vorbilds

Cihan Inans Regie befreit sich nicht von der Diktatur seines filmischen Vorbilds. Jede ikonisch gewordene Filmszene lässt er präzise nachspielen. Auch Chaplins Tanz mit dem Erdball, dem irgendwann die Luft entweicht und die aufgeblasenen Diktatorenträume auf ein Nichts zusammenschnurren lässt. Trotz hochpräziser Schauspielkunst - Gabriel Schneider erfüllt die hohen Ansprüche an seine Doppelrolle in jeder Szene - gähnt da die Langeweile hinter vorgehaltener Hand. Bis auf den beiläufig von der Erzählerin Chantal Le Moign eingestreuten Versprecher, der die Juden mit den Immigranten von heute in Verbindung bringt, und deren Deportation mit der Ausschaffungspraxis europäischer Länder, bleibt die Inszenierung eine in sich geschlossene graue Kapsel, die Kim Jong un und Bolsonaro nicht wirklich auf die Füsse tritt.

War Inan die nicht unproblematische Parallelisierung der Gegenwart mit den 1930er-Jahren zu heikel? Welchen Mehrwert zum Film bietet die Inszenierung aber dann? Nazi-Witze sind längst verbraucht. Und es braucht für sie auch nicht mehr die Kühnheit, mit der Charlie Chaplin seinen Film gegen den Willen der Filmstudios und der politischen Klasse einst selbst produzierte. Vielleicht auch deshalb wurde der Film bislang noch nie für eine deutschsprachige Bühne adaptiert.

«Rede an die Menschheit» geht ins Herz

Die «Rede an die Menschheit» hingegen, mit der sich der kleine jüdische Frisör, der am Ende des Films mit Hynkel verwechselt wird, an die Massen wendet, geht auch heute noch direkt ins Herz. Weil die Welt immer noch voller Hass und Gier ist. Weil immer noch Diktatoren Demokratie und Menschenwürde mit Füssen treten. Das humanistische Anliegen des Films, das zeigt diese Berner Inszenierung sehr eindringlich, hat seine Zeit überdauert.

«Der grosse Diktator». Konzert Theater Bern. Nächste Vorstellungen: 27.10., 10.11., 4.12., 5.12. www.konzerttheaterbern.ch

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