Der genau richtige Griff

Belles Lettres

Bettina Kugler
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«Wer wird das bloss lesen wollen?» Die heute 93-jährige Judith Kerr erinnert sich noch an diesen bangen Gedanken bei der Lektüre ihres Manuskripts. Für ihre Kinder hatte sie aufgeschrieben, wie es war, 1933 kurz vor der Machtergreifung Hitlers bei Nacht und Nebel aus Berlin zu flüchten: erst in die Schweiz, dann nach Paris, nach London. Ein Lieblingsspielzeug lässt die neunjährige Anna/Judith in der Hektik in ihrem Berliner Kinderzimmer zurück – das rosa Kaninchen aus Plüsch. Ob Hitler nun damit spielt? So fragt sie sich zuweilen. Sie lernt, fremd zu sein, in einem Land, einer Sprache. Die Kerrs leben in Angst, mit Geldsorgen.

Gleichwohl ist Judith Kerrs Kinderbuch, erschienen 1971, kein deprimierend schweres. Als erste grosse Schullektüre erschloss es mir eine Welt. Nach Hunderten von Romanen ist dieser mir wichtig geblieben. Ohne viel zu denken, schob ich ihn letzten Sommer schnell vor der Abreise an die Nordsee ins Handgepäck: Mit dem Vorsatz, ihn der zehnjährigen Lotta vorzulesen. Die mich bald still und leise überholte und mit den beiden Fortsetzungsbänden weitermachte. Sie hatten in der kleinen Inselbuchhandlung geradezu auf uns gewartet.

Bettina Kugler

Judith Kerr: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Ravensburger Taschenbuch