Der gelassene Direktor

Es ist Zufall: Just am Tag, an dem dieses Gespräch mit dem scheidenden Direktor des Filmfestivals Fribourg stattfindet, erscheint in der Lokalzeitung «La Liberté» ein Porträt über Martial Knaebel.

Drucken

Es ist Zufall: Just am Tag, an dem dieses Gespräch mit dem scheidenden Direktor des Filmfestivals Fribourg stattfindet, erscheint in der Lokalzeitung «La Liberté» ein Porträt über Martial Knaebel. Knaebel ist der Vorgänger von Edouard Waintrop, Mitbegründer des «Festival international de films de Fribourg» (Fiff) und von 1992 bis 2007 sein Direktor. «Gibt es ein Leben nach dem Fiff?», fragt der Artikel. Knaebel antwortet: «Ich vermisse das Rampenlicht nicht.» Natürlich hat Edouard Waintrop das Porträt gelesen und lacht laut bei der Bemerkung, dass man ihm ja nun dieselbe Frage stellen könne.

«Das Festival ist in guten Händen»

Er bittet den Gesprächspartner an seinen PC und zeigt ein Foto mit drei entspannt lächelnden Männern unterschiedlichen Alters: Martial Knaebel (63), Edouard Waintrop (59) und Thierry Jobin (39). Der abtretende Direktor hat seinen Vorgänger und seinen Nachfolger am Vortrag getroffen. Edouard Waintrop erzählt von der Begegnung, wo man sich bestens unterhalten und verstanden habe. «Kontinuität ist mir wichtig; und ich weiss, das Festival ist in guten Händen», sagt er über seinen Nachfolger, den Genfer Filmjournalisten Thierry Jobin.

Natürlich werde er Fribourg vermissen, meint er. Das Leben nach dem Fiff scheint noch weit entfernt. Sein neuer Job in Genf als «Directeur de la fondation du cinema de Grütli», einer Institution, die bis Ende 2010 «CAC Voltaire» hiess, wird ihn mindestens so herausfordern wie sein jetziger.

Welches war die positivste Erfahrung für Edouard Waintrop in den vier Jahren als Fiff-Direktor? Er denkt kurz nach und sagt: «Das Festival hat es geschafft, sein treues, grösstenteils schon nicht mehr ganz junges Publikum zu halten, und es hat andererseits, neue, junge Leute angesprochen. In den ersten zwei Jahren unter Edouard Waintrop legte es um einige tausend Zuschauer zu. Seither hat es sich bei einer Zahl von gut 30 000 konsolidiert. Zum Vergleich: Das medial und budgetmässig viel besser abgesicherte Zurich Filmfestival bewegt sich mit 39 000 Zuschauern zahlenmässig in einer ähnlichen Liga wie Fribourg. Den Einwand, dass es unter den älteren Vertretern des Publikums in Fribourg Stimmen gibt, die bemängeln, dass unter Edouard Waintrop vermehrt extrem gewalttätige Filme oder auch bewusst Trash mit ins Programm genommen wurden, nimmt der Fiff-Direktor gelassen hin. Er lächelt: «Niemand muss sich diese Filme ansehen, sie machen ausserdem nur einen kleinen Teil des Programms aus. Aber mir ist wichtig, eine grosse Bandbreite des zeitgenössischen Kinos zu zeigen.» Er erzählt dann von einer über siebzigjährigen Frau, die jedes Jahr ans Festival kommt und die am vergangenen Samstag die Produzentin des Eröffnungsfilms, des chinesischen Martial-Art-Films «Little Big Soldier» umarmt und ihr für dieses wunderbare Werk gedankt habe.

«Festival wurde geringgeschätzt»

Und negative Erfahrungen? Die Antwort folgt sofort: «Das Fiff ist vom Bundesamt für Kultur – und seinem damaligen Leiter der Sektion Film, Nicolas Bideau – stets mit Geringschätzung behandelt worden.» Er könnte auch stärkere Ausdrücke gebrauchen, denn er habe ja in bezug auf Fribourg nichts mehr zu verlieren, sagt Edouard Waintrop und fügt hinzu, er fände es aber unangebracht, einem Mann, der ja nicht mehr im Amt ist, jetzt öffentlich noch Schimpfworte hinterherzurufen. Auf jeden Fall sei er optimistisch, was die Zukunft anbelange: «Ich weiss, dass Thierry Jobin und Ivo Kummer bereits in Kontakt stehen, und ich bin überzeugt, dass sich die Beziehungen zum BAK verbessern werden.» Der Optimismus ist ansteckend, und es bleibt zu hoffen, dass das in der Deutschschweiz leider immer noch zu wenig bekannte Festival Fribourg endlich seine Anerkennung als eines der wichtigsten Festivals der Schweiz findet. (gk)