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Der Geist scheint im Raum zu schweben

Kontrast und Ergänzung: Zwei jüdische Oratorien von Bloch und Bernstein haben die Kammerchöre St. Gallen und Konstanz, der Glarner Madrigalchor und die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz in der Tonhalle St. Gallen aufgeführt.
Charles Uzor

ST. GALLEN. Man mag sich fragen, welches der zwei Werke mehr Tiefgang hat, Ernest Blochs persönliche Liturgie «Avodath Hakodesh» oder Leonard Bernsteins verspielte «Chichester Psalms». Nach der Aufführung dieser zwei jüdischen Oratorien durch den Konstanzer Kammerchor, den Glarner Madrigalchor und den St. Galler Kammerchor scheint die Frage jedoch unnötig. Die Werke, so verschieden sie sind, kommen aus einem gemeinsamen Urboden. In der St. Galler Aufführung ergänzen sie sich und beleuchten einander. Man staunt über das geheime Arsenal einer Frömmigkeit, die sich ohne Floskeln, in aller Direktheit übertragen lässt.

Tiefen des Klangs ausgelotet

Bereits im Fugenthema der ersten Takte von Blochs «Avodath Hakodesh» geben die Bässe der Süddeutschen Philharmonie Konstanz den Ton an. Durch die klare Phrasierung lotet Niklaus Meyer lustvoll die Tiefen des Klangs aus. Jede Intervallspannung wird ausgehorcht, in jeder Melodie ist eine kleine Welt. Die fünf Sätze erhalten durch die motivische Verknüpfung Struktur. So entwickelt das Werk trotz hymnischer Längen einen grossen Spannungsbogen. Die Gruppierungen sind im üppig besetzten Orchester gut balanciert. Selten hört man solchen Orchesterklang, so warm timbrierte Streicher. Die dunklen Tönungen werden wie von innen ausgeleuchtet, und jeder Soloeinsatz der Oboe ist ein Genuss.

Sog der inneren Dialoge

Der in allen Stimmen gepflegte Chorklang wirkt wie eine Verlängerung der Instrumente. Im Höhepunkt des dritten Satzes sammelt sich eine sehnsuchtsvolle, aber unsentimentale Musik, die stets und nie anzukommen scheint – Manuel Walser (Bariton) entfaltet in den elysischen, inneren Dialogen einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Wie eine Fahrt in den Sommer

Bernsteins kontrastierende «Chichester Psalms» wirken unter Michael Auers Schlag geradezu wie eine amerikanische Fahrt in die Sommerfrische. Die mit jazzigen Rhythmen gespickten Klangblöcke strotzen vor jugendlicher Ausgelassenheit. Durch die rhythmische Präzision werden in Chor und Orchester die Energien gebündelt. Auer lässt die Melodien mit den raffinierten Mixturen von Xylophon, Bongos, Glockenspiel, Harfe und gezupften Streichern gleichsam abheben. Im zweiten Satz gelingt dem Knabensopran David Rother (Solist der Aurelius Sängerknaben Calw) eine ruhevolle Musik, deren Reinheit berührt. So musiziert zeigt die Orchestrationskunst des Komponisten-Dirigenten Bernstein ihre ganze Wirkung. Im Finalsatz wird alles Nervöse gebannt, der Klang findet sich gleichsam in seinen Spitzen und geht dort weiter, wo Blochs Musik endete.

Beim Schlussklang ereignet sich dieser Geist, der im Raum zu schweben scheint, und von dem sich nicht sagen lässt, woher er genau weht – ein kostbarer Moment der Empfindung im reinsten a cappella, ein musikalisches Zittern, das jeden im Saal erfasst.

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