Der Geist der Indianer

Ausstellung Erstmals werden in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich Ian Anülls sämtliche Editionen gezeigt.

Christina Genova
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Aus Abziehbildchen von Indianern wurden Siebdrucke: Die «Catch the Spirit»-Serie von Ian Anüll. (Bild: pd)

Aus Abziehbildchen von Indianern wurden Siebdrucke: Die «Catch the Spirit»-Serie von Ian Anüll. (Bild: pd)

Auf seiner neusten Grafik zeigt Ian Anüll Zähne. Das Bild seines leicht geöffneten Mundes offenbart dem Betrachter, dass der Künstler diesmal den eigenen Zahn und keine Kupferplatte graviert hat. Auf einem der vorderen Schneidezähne prangt ein R, umrundet von einem Kreis – das Zeichen für «Registred as Trademark», für eine amtlich registrierte Marke. Ist der Künstler Ian Anüll eine geschützte Marke? Die 2012 entstandene Arbeit berührt eines der Kernthemen von Anülls Schaffen, die Frage nach dem Wert der Kunst und jener ihres Urhebers. Als Künstler ist Anüll zwar einerseits Teil des Systems Kunst und seiner Marktmechanismen, andererseits versucht er, diese zu entlarven und auszuhebeln.

Kein Personenkult

Wer aber ist Ian Anüll? Vielmehr als die gebleckten Zähne bekommt man von ihm nicht zu Gesicht – ein Foto des Künstlers ist nicht aufzutreiben. Ian Anüll, der seit 1969 unter diesem Pseudonym auftritt, wurde 1948 in Sempach geboren. Konsequent entzieht er sich dem Personenkult des Kunstbetriebs, über seine Biographie ist kaum etwas bekannt. Nachdem ihm 2010 das Zürcher Helmhaus eine umfassende Retrospektive eingerichtet hat, stellt nun die Graphische Sammlung der ETH Zürich erstmals alle seine Editionen aus, darunter auch etliche Multiples. Das Reproduzieren und Publizieren seiner künstlerischen Ideen war Ian Anüll schon seit jeher sehr wichtig. Weil er nie eine persönliche Handschrift entwickeln wollte, kam ihm das Drucken sehr entgegen. Bereits in den 1970er-Jahren trat Anüll mit kleinen selbstgemachten Künstlerbüchern an die Öffentlichkeit. Mehrmals arbeitete er dafür mit dem Vexer Verlag des St. Galler Künstlers und Verlegers Josef Felix Müller zusammen. Wann immer Anüll Zugang zu einem Druckatelier fand, ergriff er die Gelegenheit und produzierten Grafikblätter und Grafikfolgen.

Fenchel und Erdbeeren

Ian Anüll versteht es meisterlich, aus banalen Dingen und Fundstücken etwas Neues zu kreieren. Was scheinbar Abfall ist, wird unter seinen Händen zu Kunst – Wertloses wird um- und aufgewertet. Bei einer Arbeit von 1993 diente Anüll ein Stück Fenchelknolle als Druckstock. Er bestrich es mit Farbe und druckte es mehrmals auf Papier – eine Art Gebirgslandschaft entstand. Den Himmel malte er mit Aquarellfarbe hinzu. In der Serie «Temps de fraises» verwendete Anüll Erdbeerstücke zur Gestaltung und als Element von Collagen. Ausgangsmaterial für die Serie «Catch the Spirit» von 1988 waren kleine Abziehbildchen mit Darstellungen von Indianern. Doch anstatt der Indianer zeigt Anüll eine weisse Fläche. Die Leerstelle druckte er separat. Dadurch schuf er Raum für deren Geist und für all die Geschichten und Mythen, die sich um Indianer ranken.

Verspielte Kritik

Anülls Arbeiten sind zwar häufig gesellschaftskritisch, aber auch verspielt, überraschend, poetisch und witzig. Seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen wirkt deshalb nie verbissen. Doch auf wessen Seite er ist, bringt er deutlich zum Ausdruck. Aus seiner Abneigung gegen die Politik von Vater und Sohn Bush in den USA machte Anüll in seinem Multiple «Tandem» von 1991 keinen Hehl. Das Ready Made besteht aus zwei Velosattelüberzügen der indischen Marke Bush in rot und grün. Wer sich darauf setzt, macht ein politisches Statement.

Schade nur, dass Anülls Editionen nicht immer selbst erklärend sind. Zu einzelnen Arbeiten und deren Entstehung würde man gerne mehr erfahren.

Bis 19.10.12. Graphische Sammlung der ETH Zürich, im ETH Hauptgebäude, Raum E 52. www.gs.ethz.ch Zur Ausstellung erscheint die Publikation Jan Anüll: Editionen, Schwabe Verlag Basel 2012, 104 S., Fr. 39.–.

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