Der gefiederte Schrecken

Am 28. März 1963 erlebte «The Birds» von Alfred Hitchcock seine Uraufführung in New York. Der Horror-Thriller hat Filmgeschichte geschrieben und bis heute nichts von seiner verstörenden Wirkung verloren.

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Auf der Flucht vor den Vögeln: Schulkinder und Tippi Hedren als Melanie Daniels während einer der aufwendigen Aufnahmen im Studio. (Bild: ky/Everett Collection)

Auf der Flucht vor den Vögeln: Schulkinder und Tippi Hedren als Melanie Daniels während einer der aufwendigen Aufnahmen im Studio. (Bild: ky/Everett Collection)

«Die Vögel» ist einer der Filme, die Einzug ins kollektive Gedächtnis gehalten haben. Wer einmal gesehen hat, wie die kreischenden Schulkinder eine Strasse hinunterrennen und von aggressiven Krähen attackiert werden, der wird sich an diese Bilder erinnern – beispielsweise beim Anblick einer Schar Vögel auf einem Klettergerüst. «The Birds» von Alfred Hitchcock hat, wie mehrere Werke des «Master of Suspense», Filmgeschichte geschrieben. Federico Fellini nannte den Film ein «apokalyptisches Gedicht».

Luftangriffe über England

Als am 28. März 1963 «The Birds» in New York seine Weltpremiere feierte, war es nicht die erste Geschichte mit gefährlich gewordenen Tieren auf einer Leinwand. Im Horrorkino der 1950er-Jahre wimmelte es vor angriffslustigen Spinnen, Fliegen oder Ameisen. Eine gezähmte Natur, die sich zur tödlichen Gefahr entwickelt – das war in den Jahren des Kalten Krieges und der Angst vor der Atombombe ein populäres Thema. Neu war, dass der Tier-Horror der B-Pictures mit einem kunstvollen Liebesdrama kombiniert wurde: Eine Frau, die wegen eines Mannes in ein Küstendörfchen kommt, muss sich hier bewähren.

Von Kriegserlebnissen inspiriert sein dürfte die Kurzgeschichte «The Birds» von Daphne du Maurier, welche die britische Autorin 1952 veröffentlicht hat. Die Angriffe von Vögeln auf ein Küstendorf in Cornwall, so wurde vermutet, symbolisieren die deutschen Luftangriffe auf England.

Keine Erklärungen

Hitchcock kannte die Erzählung seiner Landsfrau; sie war in einer Kurzgeschichten-Sammlung erschienen, die unter dem Titel «Alfred Hitchcock Presents» veröffentlicht wurde. Der Brite hatte zuvor bereits zwei Vorlagen von du Maurier verfilmt: Aus Riffpiraten wurde 1938 «Jamaica Inn», ein Jahr darauf folgte du Mauriers Melodram «Rebecca». Hitchcock-Biograph Donald Spoto schreibt, der Regiemeister sei durch Zeitungsmeldungen über seltsame Vorkommnisse mit Vögeln auf das Thema aufmerksam geworden. Doch die gefiederten Freunde sind in zahlreichen seiner Filme zu finden. In «Sabotage» (1936) wird eine Vogelhandlung als geheimer Treffpunkt von Verschwörern genutzt, in «Eine Dame verschwindet» (1937) entfliehen Vögel aus einer Kiste in einem Güterwagen. Eine wichtige Rolle spielen Vögel ebenfalls in «Psycho» (1959), auch wenn sie in der Romanvorlage gar nicht vorkommen.

Von du Mauriers Geschichte haben Hitchcock und Drehbuchautor Evan Hunter lediglich die Grundidee der attackierenden Vögel übernommen. Wie in der Vorlage liefern sie keine Erklärungen für die Angriffe. «Die Vögel repräsentieren alles, was wir nicht verstehen und kontrollieren können», schreibt Filmkritiker Robin Wood zu «The Birds».

Ein gefährliches Familiendreieck

Sein Buch ist eine von zahlreichen Publikationen zum Meisterwerk. Die US-Literaturwissenschafterin Camille Paglia hat den Film feministisch gelesen, der «Frauen als bezaubernde, aber gefährliche Wesen» darstelle und worin es um «Gefangenschaft und Zähmung» gehe. Zwei andere Deutungen gehören zu den verbreiteteren. In der einen wird die Natur zur zerstörerischen Kraft, weil sie sich vom Menschen bedroht und unterdrückt fühlt. Diese Variante thematisierte «Hitch» in einem ironischen Trailer, mit dem er für den Film warb. Doch vordergründige moralische Botschaften waren nie seine Sache. Erzählerisch ergiebiger ist die zweite Interpretation: ein psychologisches Drama, das sich hinter dem Horror offenbart: Eine Liebes-Dreiecksgeschichte mit einer dominanten Mutter – ein typisches Hitchcock-Motiv. Hier ist es die von Tippi Hedren gespielte Melanie Daniels, die in ein familiäres Gefüge eindringt. Anwalt Mitch Brenner (Rod Taylor), seine verwitwete Mutter Lydia (Jessica Tandy) und die kleine Schwester Cathy (Veronica Carthwright) leben im beschaulichen Küstendörfchen Bodega Bay. Melanie Daniels aus dem mondänen San Francisco ist hier mit ihrem lindengrünen Kleid und Pelzmantel so etwas wie ein «fremder Vogel»: eine moderne, selbstbewusste Frau, die sich einer gluckenhaften Mutter gegenüber sieht, die ihren Sohn vor dem blonden Gift beschützen will. Daniels wird von manchen gar für die Vogelangriffe verantwortlich gemacht, die erst mit ihrer Ankunft in Bodega Bay beginnen.

Sechs Wochen für wenige Minuten

Alfred Hitchcock war bekannt für seine akribische Vorbereitung: Für «The Birds», der sein teuerstes und technisch ambitioniertestes Werk wurde, beanspruchte die Planung über zwei Jahre. Von 1500 Einstellungen handelt es sich bei fast 400 um komplizierte Trickaufnahmen. Was damals ein enormer Aufwand war, ist im heutigen Kino nichts besonderes mehr, da kaum ein moderner Film ohne visuelle Effekte oder Bearbeitung mittels Computer auskommt. 1962 gab es solche Möglichkeiten nicht. Entsprechend langwierig waren die komplexen Aufnahmen. Trainierte Vögel, mechanisch bewegliche Modelle sowie zahlreiche Attrappen und Handpuppen kamen zum Einsatz. Der Angriff der Krähen auf die Schulkinder umfasst 60 Schnitte; für die Aufnahmen wurden sechs Wochen benötigt.

Der Horror auf der Tonspur

Über derlei Herausforderungen hinaus setzte «Die Vögel» mit seiner innovativen Tonspur Massstäbe. Hitchcock, der seine Filmkarriere noch zur Stummfilmzeit begonnen hat, war der Einfluss der Tonspur sehr bewusst; Geräusche spielen in seiner Dramaturgie oft eine wichtige Rolle. Für «The Birds» hatte der Brite entschieden, keine Filmmusik zu verwenden. So wurden Geräusche das zentrale Mittel zur Vermittlung von Spannung und Schrecken: Sein langjähriger Filmkomponist Bernard Herrmann war musikalischer Berater bei der Dramaturgie einer Tonspur, die wie eine Partitur eingesetzt und mit einem Trautonium erzeugt wurde. Eine Art Vorläufer des Synthesizers, mit dem Aufnahmen von Vogelgezwitscher und -gekreische elektronisch verfremdet wurden. Die Klänge suggerieren Flügelschläge, Krächzen und das Hacken der Vögel. Und so bietet «The Birds» wohl einen der beunruhigendsten Soundtracks der Filmgeschichte.

Suspense und Schock

Ein Meisterstück der Inszenierung von Suspense – und allein mittels Bildern erzählt – ist jene Szene, in der Melanie auf einer Bank vor dem Schulhaus wartet. Während sie eine Zigarette raucht, füllt sich hinter ihrem Rücken ein Klettergerüst mit Krähen. Was die Protagonistin zwar nicht bemerkt, aber der Zuschauer, der sie am liebsten laut warnen würde. Mit jedem Schnitt zurück zur rauchenden Heldin wird die Spannung grösser.

Immer wieder blickt man in diesem Thriller in die fassungslosen, angsterfüllten Augen von Melanie Daniels. Und nicht das erste Mal bei Alfred Hitchcock wird das Publikum auch am Ende in zwei starrende Augen blicken, die viel zu viel sehen mussten.

Für Tippi Hedren waren die Dreharbeiten eine Tortur: Nach den einwöchigen Aufnahmen für die Szene, in der sie im Dachstock von Vögeln attackiert wird, litt sie unter seelischer und körperlicher Erschöpfung und musste eine Woche krankgeschrieben werden.

Kein Happy End

Der Film endet mit einem gebrochenen Happy End. Der Platz vor dem Brenner-Haus ist mit Vögeln übersät, als es der Familie mit der verletzten und traumatisierten Melanie gelingt, im Auto wegzufahren. Während das Bild abblendet, sind auf der Tonspur weiter die Vögel zu hören – das damals übliche Wort «The End» zum Abspann hatte Hitchcock verhindert.

Im Drehbuch von Evan Hunter war freilich vorgesehen, dass der Zuschauer mit den Brenners noch die Zerstörung und die Toten im Städtchen von Bodega Bay zu sehen bekommt. Auf der Flucht wäre ihr Auto dann gar von den Vögeln verfolgt worden. Hunter vermutet, dass auf diese Szenen wegen den hohen Kosten verzichtet wurde. Auch ein anderes Schlussbild, von dem Hitchcock erzählte, wurde nicht realisiert: Er hätte gerne die Golden Gate Bridge von San Francisco gezeigt – besetzt von Vögeln.

Andreas Stock

Alfred Hitchcock posiert mit einem der dressierten Vögel. (Bild: ky/epa/Stringer)

Alfred Hitchcock posiert mit einem der dressierten Vögel. (Bild: ky/epa/Stringer)

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