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Theaterstück: Der gefährliche Zorn über Ungerechtigkeit

Im Stück «Heilig Abend» versucht ein Polizist im Verhör mit einer verdächtigen Professorin ein Attentat zu verhindern. Regisseur Tim Kramer und die Schauspieler Boglarka Horvath und Thomas Beck sind mitten in den Vorarbeiten für die Premiere in Schaan.
Hansruedi Kugler
Schauspieler Thomas Beck, Schauspielerin Boglarka Horvath und Regisseur Tim Kramer bei der Diskussion über Daniel Kehlmanns Stück. (Foto: Mareycke Frehner)

Schauspieler Thomas Beck, Schauspielerin Boglarka Horvath und Regisseur Tim Kramer bei der Diskussion über Daniel Kehlmanns Stück. (Foto: Mareycke Frehner)

«Ja, gibt’s denn solche Leute noch?» Das war die erste Reaktion von Schauspieler Thomas Beck auf die Lektüre des Stücks «Heilig Abend» des Bestseller­autors Daniel Kehlmann. Linke Intellektuelle also, die mit Bombenattentaten die Welt verändern wollen. «Das ist doch die Geschichte von Ulrike Meinhof und der Rote-Armee-Fraktion, mit ihren Argumenten, ihrer Gewaltideologie. Ist doch vierzig Jahre her!» Aber schnell sei ihm klar geworden, dass dieses Stück sehr aktuell ist, nämlich mit der Frage: Was macht man nur mit dem eigenen Zorn über die Ungerechtigkeiten dieser Welt? Und wie repressiv reagiert der Staat auf diesen Zorn? Die Frage treibt viele um, auch Regisseur Tim Kramer: «Klar, diese Frage rennt bei mir offene Türen ein. Die Probleme der Welt sind ja nicht weg, und wie man selbst mit der Wut darüber zurechtkommt, das ist für jeden eine Herausforderung.»

Schlagfertiges Rededuell

Und schon ist man im Gespräch mit der Theatercrew mittendrin im Thema dieses Stücks. Einem atemlosen Thriller um einen vermuteten Terroranschlag: spannend, emotional mitreissend und scharfsinnig in der Diskussion um die Legitimation von Gewalt. Schlagfertig duellieren sich im spätabendlichen Verhör: ein gestresster Polizist mit mühsam verdeckten Selbstzweifeln (Thomas Beck) und eine erst coole, dann arrogante, ängstliche, störrische linksradikale Philosophieprofessorin (Boglarka Horvath). Sie wird verdächtigt, ein Attentat geplant zu haben. Um Mitternacht am 24. Dezember werde eine Bombe hoch gehen, glaubt der Polizist.

«Gesprächsverweigerung fördert Intoleranz»

Die Leseproben am Esstisch in Tim Kramers St. Galler Wohnung sind vorbei, die Arbeit am Spiel beginnt, und am 16. März wird die Premiere im Theater am Kirchplatz in Schaan über die Bühne gehen. «Heilig Abend» ist natürlich ein bitterböser Stück­titel, der die Ankunft des christlichen Erlösers ins Zynische eines Attentats dreht. «Ein wirkungsvoller Kunstgriff des Autors», findet Tim Kramer. Beim Lesen des Stücktextes wird man sofort reingezogen in das rhetorische Pokerspiel der Kontrahenten. Ein Dialog, der erst in der Extremsituation des Verhörs stattfindet. Tim Kramer ortet darin eine besorgniserregende Aktualität: «Kehlmann lässt Menschen aufeinandertreffen, die in unserer Gesellschaft nie miteinander sprechen würden.» Gesprächsverweigerung und Rückzug in die eigene Filterblase würden so zu Treibern von Radikalisierung, Intoleranz und Legitimation von Gewalt.

Eine versteckte Liebesgeschichte

Boglarka Horvath fügt hinzu: «Kehlmann sind extrem gut gezeichnete Charaktere gelungen. Und in dieser Verhörsituation ist auch eine Liebesgeschichte versteckt.» Eine unmögliche Annäherung: Der Polizist wirbt um das Vertrauen der Philosophin, findet die Welt auch ungerecht, glaubt an ihre Unschuld, erzählt von seiner eigenen Scheidung, fantasiert sich eine ungezwungene Begegnung mit ihr und zeigt sich verletzlich bei der überheblichen, schroffen Zurückweisung durch die Philosophin.

Tim Kramer startet im Sommer in Magdeburg

Für die Inszenierung von «Heilig Abend» treffen sich alte Bekannte. Tim Kramer war von 2007 bis 2016 Schauspieldirektor am Theater St. Gallen, Boglarka Horvath war ebendort in dieser Zeit im Ensemble. Thomas Beck hat vor zwei Jahren in Tim Kramers Inszenierung von Yasmina Rezas «Kunst» gespielt. Kramer wird diesen Sommer Schauspieldirektor am Theater Magdeburg – wie St. Gallen ein Dreispartenhaus. Seine beiden Vorgänger waren noch in der DDR aufgewachsen, weshalb Intendantin Karen Stone sagt, mit der Wahl Kramers käme «nun eine neue Welt» ins Theater Magdeburg. «Die Ostalgie wird dort tatsächlich von Jahr zu Jahr weniger», sagt Kramer. Auch wenn dort die Bühnenfassung des DDR-Filmklassikers «Spur der Steine» lange ein Kassenschlager war. Kramer bereitet trotzdem in Magdeburg ein grosses Projekt vor: «UTOP 89», eine Stadtrauminszenierung, in der es um die Frage geht, was aus den Utopien der Wiedervereinigung vor 30 Jahren geworden ist.

Seit drei Jahren in der Freien Szene

Boglarka Horvath wohnt auch nach dem Engagement am Theater St. Gallen in der Stadt. Sie lebe hier als Alleinerziehende mit ihren beiden Kindern sehr gerne und habe gar kein Engagement in einem Ensemble irgendwo anders gesucht, sagt sie. Sie arbeitet nun seit zwei Jahren mit Projekten in der Freien Szene (u. a. Rotes Velo, Theater Jetzt mit Oliver Kühn oder im St. Galler Theater 111 im April in «Der Sturm von Sasa») und hat eine Ausbildung zur Dramatherapeutin in St. Gallen begonnen. Der Liechtensteiner Thomas Beck arbeitet seit vielen Jahren als freier Schauspieler – oft in komödiantischen Rollen, mit Eigenproduktionen im Duo Beck/Biedermann, Gastrollen und in Theatergruppen in Salzburg.

Attentate bewirken nur stärkere Überwachung

Nun also stellen die drei die Gewaltfrage auf die Bühne. Die Idee kam von TAK-Intendant Thomas Spieckermann. «Der Glaube an die Gewalt als Mittel zur Verbesserung der Welt ist natürlich verflogen», sagt Boglarka Horvath. Völlig unzeitgemäss sei das. Nicht erst seit der Rote-Armee-Fraktion. Auch die Attentate der Dschihadisten, mit denen sich der Polizist im Stück sonst beschäftigen muss, würden ja ausser verstärkter Überwachung nichts bewirken. Deshalb sage die Philosophin im Stück zu Recht, diese Dschihadattentate seien eine grosse Ablenkung.

Die von der Professorin aus den 1950er- und 1960-Jahren entlehnten Paten der gewaltrechtfertigenden Rhetorik, Jean-Paul Sartre und Frantz Fanon, wirken zwar verstaubt. «Die Professorin aber erklärt die strukturelle Gewalt absolut einleuchtend», sagt Tim Kramer. Und das sei doch äusserst beunruhigend. Und weil der letztlich hilflose Polizist, der sich die Verantwortung zur Verhinderung eines Attentats auf seine Schultern lädt, wie auch die zornige Professorin verschiedene Nerven aktueller Verunsicherung treffen, wird man ihnen gebannt zuhören.

Hinweis
Premiere am 16. März im TAK Schaan.

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