Der Garten auf dem Kleid

Im St. Galler Textilmuseum machen Blumen Furore: Die Ausstellung «Furor floralis» zeigt die Geschichte der Blütenpracht auf Stoffen und setzt sie in Zusammenhang mit historischen Gärten. Diese dienten oft als Inspirationsquelle für Gestalter textiler Dessins.

Diana Bula
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Wie Designer den modernen Garten interpretieren: Blumenmuster im Stil der 50er- und 60er-Jahre, ein Stoff des finnischen Labels Marimekko sowie Kreationen von Mary Katrantzou und Peter Pilotto (von links). (Bilder: Ralph Ribi)

Wie Designer den modernen Garten interpretieren: Blumenmuster im Stil der 50er- und 60er-Jahre, ein Stoff des finnischen Labels Marimekko sowie Kreationen von Mary Katrantzou und Peter Pilotto (von links). (Bilder: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Schon das Ausstellungsplakat vor der Türe zeigt, dass das Textilmuseum diesmal einen anderen Weg einschlägt, dass diesmal nicht nur Stoffe im Zentrum stehen. Die knallgelbe Giesskanne, die darauf abgebildet ist, lässt das vermuten: Niemand würde sie mit dem Textilmuseum in Verbindung bringen, stünde darunter nicht dessen Name. Auch drinnen beginnt alles mit dem Plastikbehälter. 48 Exemplare, aufgereiht vor einer Wand, leuchten den Besuchern entgegen – als Symbol für die Pflege. Die erste Gemeinsamkeit von Textildesign und Gartenarchitektur, den beiden Künsten, die «Furor floralis» vergleicht. Beete wollen gehegt, Stoffe gepflegt sein.

Blumen als Zeitgeist

Irgendwie duftet es nach Blumen. Die visuellen Eindrücke aber sind stärker. Blumenpracht, wohin man schaut. Wohl kein anderes Sujet kommt in der Mode häufiger vor. «Wir konnten aus dem Vollen schöpfen», sagt Kuratorin Annina Weber denn auch. Um sich in der floralen Fülle nicht zu verlieren, hat sie die Stoffe des Textilmuseums und die historischen Kleider aus einer Schweizer Privatsammlung anhand verschiedener Gartentypen – vom Mittelalter über Renaissance und Barock bis hin zur Moderne – geordnet. «Sowohl die Mode als auch die Gärten drücken den Zeitgeist und das Lebensgefühl einer Epoche aus. Beides zu kombinieren, liegt daher nahe», sagt Weber.

Eine Tulpe, so teuer wie ein Haus

Beim Barockgarten etwa wird schnell klar, wie Gartengestaltung und Mode zusammenspielten. Üppige Blumenrabatten – als Vorbild dafür dienten ornamentale Stickereien – waren beliebt, man sammelte wertvolle Pflanzen. Um sie zum Blühen zu bringen, scheuten die Menschen keinen Aufwand und düngten Primeln mit Fleisch. «Zudem brach ein Tulpenwahn aus. Ein Exemplar konnte so viel kosten wie ein Haus», sagt Weber. Und Museumsdirektorin Michaela Reichel meint: «Mit den ausladenden, prunkvollen Kleidern durchs Gras zu gehen, wäre schade gewesen.» Es brauchte breite Wege, die nach strengen Regeln symmetrisch angelegten Barockgärten boten sie.

Auf den Stoffen kamen damals Blumensträusse in Mode. Im Zentrum stand stets der Blütenkopf, Stiele wurden verhältnismässig klein dargestellt. «Anders als in der Natur, überlagerten sich die Blüten nie», sagt Weber. Und wer glaubt, exotische Sujets wie die Ananas seien eine Erfindung der Neuzeit, der erfährt: Schon 1740 bis 1760 war die Frucht auf Seide zu sehen – «obwohl sie hier noch gar nicht bekannt gewesen ist».

Auf Texttafeln erklärt Textildesignerin Annina Weber jeweils, was sich auf dem Stoff veränderte. Sophie von Schwerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Landschaft und Freiraum in Rapperswil, konzentriert sich auf den Wandel in der Gartengestaltung. Gartenpläne – darunter der St. Galler Klosterplan –, Garten- und Kräuterbücher in Vitrinen fungieren sozusagen als Bindeglied zwischen den beiden Welten. «Sie waren wichtige Vorlagen für Textilentwürfe.» Textildesigner haben sie zwar als Inspirationsquelle benutzt, die Motive aber phantasievoll angereichert. Landschaftsarchitektin Sophie von Schwerin jedenfalls konnte viele der abgebildeten Pflanzen nicht bestimmen. Blätter und Blüten, die nicht zusammengehören, wurden kombiniert. Und auf ein und demselben Stück Stoff kamen Blumen vor, die in der Natur nie zeitgleich blühen.

Barockes Muster im Jahr 2011

Im Barock-Raum entdeckt man unter historischen Kostümen ein aktuelles Kleid, eine Kreation aus dem Jahre 2011 der griechischen Designerin Mary Katrantzou. Es ist Sinnbild dafür, wie Modemacher auf der Zeitachse zurückspringen, Stilelemente aus vergangenen Zeiten aufgreifen und sie modern interpretieren.

Nach der Barockzeit wurden die Gärten allmählich wieder natürlicher, die Stoffdessins zurückhaltender, analog zum Garten der Moderne fast karg. Feine, leicht wirkende Pinselstriche symbolisieren etwa Gräser auf Kleidern. Klare Linien sind nun wichtig. Typisch hierfür sind die abstrakten Blumenmuster des finnischen Labels Marimekko.

Dieses Pendeln zwischen Gärten und Mode, zwischen Plänen und Stoff ist abwechslungsreich und überraschend. Mit grossen Gartenbildern statt eingefärbter Wände als Hintergrund hätten die Kleider optisch jedoch noch besser in die Gartenlandschaft eingebettet werden können. Immerhin kann man tatsächlich die Blumen riechen. In Glasflaschen liegen Wattebäusche, getränkt mit dem Duft der jeweiligen Modepflanzen. Der moderne Garten riecht nach Gräsern und Gehölzen, der Barockgarten nach Tuberose und Orangenblüten. Man schnuppert – und würde sich am liebsten in einen echten Garten setzen. Und beobachten, wie viele Passantinnen florale Muster tragen.

«Furor floralis» bis 1. März 2016

Skizzen aus Gartenbüchern brachten Designer oft auf Ideen. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Skizzen aus Gartenbüchern brachten Designer oft auf Ideen. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))