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Die Grossedition von Jakob Tuggener wiegt über 15 Kilo

Eine ambitionierte Grossedition präsentiert in zwölf Büchern über tausend bisher weitgehend unbekannte Aufnahmen des grossen Schweizer Fotografen.
Urs Bader
Am ACS-Ball im Grand Hotel Dolder, Zürich 1948. (Bilder: Jakob-Tuggener-Stiftung, Uster)

Am ACS-Ball im Grand Hotel Dolder, Zürich 1948. (Bilder: Jakob-Tuggener-Stiftung, Uster)

Jetzt kann das Werk des Fotografen Jakob Tuggener (1904–1988) erstmals endlich in seiner ganzen und grossen Vielfalt besichtigt werden. Bisher war nur ein sehr geringer Teil seiner Tausenden von Fotografien und seiner zahlreichen Schwarz-Weiss-Stummfilme publiziert oder gezeigt ­worden – obwohl Tuggener in Fachkreisen schon zu Lebzeiten hohes Ansehen genoss.

Der deutsche Steidl-Verlag hat in einem beispiellosen Editionsprojekt in zwölf Büchern über 1000 Fotografien Tuggeners und eine Auswahl seiner 16-mm-Kurzfilme auf DVD veröffentlicht. Herausgeber ist Martin Gasser, Konservator der Fotostiftung Schweiz. Gerhard Steidl, der sich seit vielen Jahren mit dem Werk des Schweizer Fotografen beschäftigt, davon begeistert ist und es für sehr wichtig hält, hat über 700000 Euro in das Projekt investiert. Wie Gasser sagt, wollte Steidl nicht ein weiteres einzelnes Fotobuch, sondern eine Gesamtschau von Tuggeners Werk vor­legen. «Besonders gereizt hat den Büchernarren Steidl das Projekt, weil Tuggener über 60 druckfertige Buchmaquetten hinterliess.» Nur eines seiner Fotobücher konnte er zu Lebzeiten publizieren: «Fabrik», 1943, das Steidl schon 2011 neu herausgebracht hat. In der jetzigen Edition sind die Bücher mit allen Details als Faksimile erschienen.

In der 1950ern gehört Tuggener zur Avantgarde

Tuggener ist ein Quereinsteiger in die Fotografie. Er lernt in der Maag-Zahnräderfabrik in Zürich Maschinenzeichner und arbeitet bis 1930 in der Konstruktion. Als er die Stelle verliert, studiert er an der Reimannschule in Berlin Typografie, grafische Gestaltung, Zeichnen und Film. 1932 beginnt er als freischaffender Fotograf für die Hauszeitung der Maschinenfabrik Oerlikon zu arbeiten. Bald arbeitet er auch für illustrierte Zeitschriften – und für sich, ohne Auftraggeber.

Das Fotobuch «Fabrik. Ein Bildepos der Technik» begründet seinen internationalen Ruf, aber erst in den frühen 1950ern. In der Zeitschrift «Camera» wird er 1949 als Augenmensch gewürdigt, «der das Leben ohne Umschweife sieht und dessen Regungen im Antlitz der Menschen zu lesen und im Hell-Dunkel-Kontrastbild festzuhalten versteht». Ungewöhnliche Bildausschnitte würden zu «gesellschaftskritischen Deutungen unserer Zeit». Tuggener gilt nun als Vertreter der Fotografen-Avantgarde Europas, die der Fotografie neue inhaltliche Relevanz und Anerkennung als eigenständiges künstlerisches Medium verschaffen will, wie Gasser in seinem Essay im Begleitband zu den zwölf Fotobüchern schreibt.

Trotzdem findet er keine weiteren Verleger. 1950 schreibt er: «Vor zehn Jahren habe ich begonnen, die Photographie als meine Sprache zu verwenden und in geschlossenen Büchern zu reden. Von den Ballnächten, vom Eisen, von den Schiffen, von allem, was besonders meine Seele bewegt und erregt.» Die Verleger würden der Sache aber nicht trauen. Ein Buch ohne Worte, das verstünden die Leute nicht. Tuggener schreibt:

«Ja, wir sind verflacht von den Illustrierten und vom Lesen: alle sind hilflos, ein Bild zu betrachten ohne Nachhilfe durch einen Text.»

Die drei grossen Themen Tuggeners sind die Arbeit in der Fabrik, das Landleben und die glamourösen Feste der besseren Gesellschaft. Doch faszinierten ihn auch Häfen und Schiffe, Eisenbahnen, Autorennen und Flugschauen. Zu all dem komponierte er Fotobücher, also gebundene Bilderserien aus bis zu ­ 150 ganz- oder doppelseitigen Originalabzügen. Inspiriert wurden sie vom Stummfilm, der seine Bildsprache prägte und seinen Sinn für Dramaturgie schärfte. «Die neue Edition ist nun das, was Tuggener nie machen konnte. Sie erfüllt seine hohen Ansprüche und zeigt sein ganzes Themenspektrum», sagt Gasser.

Das Formale fasziniert ebenso wie der Inhalt

Wieso er zu Lebzeiten keine weiteren Bücher realisieren konnte, dazu schreibt Gasser: «Dass Tuggener darauf beharrte, seine Bilderbücher nur ganz ohne Text zu veröffentlichen, war nur einer der Gründe dafür. Ein anderer war ­sicherlich seine subjektive Sicht, die er seit Mitte der 1930er-Jahre konsequent verfolgte.» Heute fasziniert an den Bildserien das Formale genauso wie gerade das reiche subjektive Abbild der Welten, die der Fotograf uns zeigt.

Nun gibt es die Bücher so, wie Tuggener sie gern publiziert hätte. Auf Beiblättern sind Angaben versammelt, die er spärlich zu einzelnen Bildern gemacht hat. Ob die aus einsichtigen Gründen teure Edition nun auch ihr Publikum findet? Das Interesse sei da, sagt Gasser. Allein die Fotostiftung habe bisher rund 80 Kassetten verkauft. Vom Verlag wisse er, dass auch in den USA das Interesse gross sei. Möglicherweise ist dies dem schweizerisch-amerikanischen Fotografen Robert Frank zu verdanken, der Tuggener als Vorbild sah und mit seinem Fotobuch «The Americans» (1959) berühmt wurde (heute auch bei Steidl). Ein Erfolg der Edition wäre eine späte Ehrung für den grossen Schweizer Fotografen.

Jakob Tuggener: Bücher und Filme, hrsg. von Martin Gasser, Steidl Verlag, zwölf Fotobücher plus DVD und Begleitband in handgefertigter Holzkassette, Euro 700.– (über Verlag), Fr. 800.– (bei der Fotostiftung Schweiz in Winterthur).

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