Der freie Wille im Gerüst

Bestechend fällt am Konstanzer Theater die Inszenierung von Calderóns «Das Leben ein Traum» unter der Regie von Wulf Twiehaus aus.

Brigitte Elsner-Heller
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Szene mit König Basilio (Jürgen Bierfreund). (Bild: Ilja Mess)

Szene mit König Basilio (Jürgen Bierfreund). (Bild: Ilja Mess)

Aufmerksame Stille im Zuschauerraum, die einer Form geschuldet ist, die durch Detailreichtum besticht, ohne sich zu verzetteln. Dabei ist «Das Leben ein Traum» von Calderón de la Barca (1635) kein Stück, das auf Sicherheiten baut. Vielmehr wird hier die Frage gestellt, was den freien Willen ausmacht. Dass das Stück auf der Konstanzer Bühne einen stabilen Rahmen erhält, ist der Regie von Wulf Twiehaus zuzuschreiben.

Der Turm wird zum Bett

Die Welt, die Calderón entwirft, entfaltet sich nun in diffus grauer Färbung, eingefriedet durch schnörkellose Gerüste von klarer Ästhetik (Bühne: Katrin Hieronimus). Zwei Musiker, die die Aufführung wesentlich mitprägen, sind hier anzutreffen (Varia Linnéa Sjöström und Oliver Jahn). Die Gerüstkassetten bieten aber auch Rückzugsräume für diejenigen, auf die jeweils gerade nicht fokussiert wird.

Im Zentrum steht Sigismund, der von seinem Vater, König Basilio, nach der Geburt fortgeschafft wurde, weil die Sterne in ihm einen künftigen Tyrannen verhiessen. Der Turm, in dem der junge Mann aufwuchs, lediglich begleitet vom alten Clotaldo (Thomas Ecke), ist auf ein Bett reduziert, auf dem Sigismund (Željko Marovic) unter einer Decke sein Dasein fristet. Seine ersten Worte aus dem Dunkel werden über Video nach aussen übertragen.

Jede Figur genau entwickelt

Doch der alternde König Basilio (Jürgen Bierfreund) überdenkt seine Nachfolge, für die sein Neffe Astolfo (Axel Julius Fündeling) sowie seine Nichte Estrella (Sarah Sanders) bereitstehen. Weniger aus Reue, mehr aus Interesse daran, ob die Sterne recht behalten haben, beschliesst Basilio, Sigismund auf die Probe zu stellen. Schlafend lässt er ihn in den Palast bringen. Eine folgenschwere Entscheidung, denn Sigismunds Trauer schlägt in Aggression um. Dabei wird er auch gegen Estrella übergriffig, lediglich Rosaura (Julia Ludwig), mit der er ein ähnliches Schicksal teilt, lässt ihn ahnend innehalten. Bald findet er sich im Verliess wieder, angeblich erwacht aus einem Traum. Doch es gibt eine zweite Chance, und am Ende einen Sigismund, der verzeihen kann.

Die Inszenierung wirkt selbst auch gerecht, denn Wulf Twiehaus hat jede Figur für sich genau entwickelt. Sigismund etwa tritt mit nacktem Oberkörper auf, Zeichen der Verletzlichkeit und der Stärke.

Eindrucksvolle Darsteller

Željko Marovic hält diese spannungsreiche Rolle durchgehend auf hohem Niveau. Eindrucksvoll auch Jürgen Bierfreund als ein König, der die Kraft verloren hat, Dinge zu lenken. Thomas Ecke gibt den alten Clotaldo als Mann, der vom Pflichtgefühl in die Enge getrieben wird. Zumal er seine leibliche Tochter verleugnet, die mit Rosaura vor ihm steht. Anrührend die Szenen mit ihr. Sarah Sanders und Axel Julius Fündeling geben sich als Estrella und Astolfo höfisch glatt. Bleibt noch eine Nebenfigur, der Diener und Revolutionär Clarín, gespielt von Philip Heimke. Er stachelt an, gibt murmelnd das Alter ego Sigismunds, wenn dieser aufbegehrt, zuckt aber zusammen und wird devot, sowie ihn Aufmerksamkeit trifft. Ein weitreichendes Bild. So trifft Theater sein Publikum.

Weitere Aufführungen bis April www.theaterkonstanz.de

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