Der Filmhorror greift ins Leben

Dieses Buch haut einen um. Und man bleibt lange wie betäubt. «Die amerikanische Nacht» ist der zweite Roman der jungen, hübschen und reichen US-Autorin Marisha Pessl (36). Es ist ein knallharter, düsterer, verwirrender und hochspannender Psychothriller-Wälzer mit überraschendem Ende.

Heiko Strech
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Marisha Pessl (Bild: Laura Rose)

Marisha Pessl (Bild: Laura Rose)

800 Seiten umfasst «Night Film», so der Originaltitel von «Die amerikanische Nacht», angemessen übersetzt von Tobias Schettler. Paten standen Horrorautor Stephen King und Dashiell Hammett, Verfasser «schwarzer» Krimis. Wohl auch Horrorfilme von Stanley Kubrick oder Alfred Hitchcock. Marisha Pessl hat Literatur studiert. War dann Finanzberaterin. Von beiden Bereichen versteht sie tatsächlich allerhand. Sie hat das Bestseller-Gen. Ihr Erstling «Die alltägliche Physik des Unglücks» (2006) verkaufte sich weltweit, übersetzt in dreissig Sprachen. Für den Zweitling erhielt Pessl eine Million Dollar Vorschuss.

Das Besondere und besonders Erregende am neuen Roman: Thema ist ausser dem Horrorstoff das Ineinander von Fiktion und Wirklichkeit. Grossartig arrangiert. Absolut zeitgemäss. Zumal wir knietief und wohl bald bis zum Hals im Medienzeitalter stecken.

Pianistin tot im Liftschacht

Im Zentrum steht der Horrorfilmer Stanislav Cordova. Pessl spricht dem erdachten Regisseur 15 Filme zu, erzählt sie glaubhaft detailliert, lässt erfundene und echte Filmstars darin auftreten. In Interviews soll sie Zuhörer mit diesem Mix vielfach hereingelegt haben. Ich-Erzähler ist der Journalist Scott McGrath. In Manhattans Central Park begegnet er nachts Cordovas Tochter Ashley, Wunderkind-Pianistin, die er kurz drauf tot in einem Liftschacht findet. Wunderfrau Pessl treibt ihn in einen verbissenen Recherchierwahn, der ihn von einem Rätsel ins andere jagt.

Haupträtsel Cordova bleibt unauffindbar. Gerüchte besagen, der Regisseur habe Horror nicht nur in seinen Filmen, sondern auch mit seinen Darstellern getrieben. Habe auch «was mit Kindern» angestellt.

Spiel mit Fiktion und Realität

Im Roman folgen auf die ersten sechs Seiten Text zwanzig Seiten Screenshots der «New York Times» online, die Schlaglichter auf einzelne Befunde rund um Cordova und Tochter Ashley werfen. Verwirrende Motive tauchen auf, die Marisha Pessl später in der Romanhandlung bündelt. Das komplexe Verhältnis von Fiktion und Realität bestimmt also nicht nur den Inhalt des Romans, sondern auch seine Form. Pessl verstreut immer wieder solche erfundenen Faksimiles aus Internet und Presse in ihren Roman – und man ertappt sich immer wieder dabei, sie unwillkürlich als Beleg für die Wahrheit des Erzählten zu halten. Schliesslich «glauben» wir ja auch Filmen, die uns vorflimmern, da werde gerade wer erschossen.

In Kulissen von Horrorfilmen

Unheimlich raffiniert führt Marisha Pessl uns so tief ins Unheimliche hinein mit ihren Wirklichkeitsillusionen. Wobei die hohe Spannung nicht überall auf 800 Seiten durchzuhalten ist – vor allem, weil die Autorin bei aller ausgepichten frühen Könnerschaft sich noch nicht genug auf Spannungssteigerung durch vorherige Entspannung versteht. Den Höhepunkt bildet allerdings gegen Ende das heimliche Eintauchen des Rechercheurs McGrath in «The Peak», das riesige und scharf bewachte Anwesen Cordovas. Dort stehen auch die Kulissen seiner Horrorfilme. Was der Ich-Erzähler beim Herumirren in diesen Schreckenskammern durchmacht – das hat Pessl schlicht meisterhaft geschildert. McGrath schliddert geradezu in verschiedene Horrofilme hinein, durchlebt sie wieder in der Erinnerung beim Tappen, Schwanken, Schleichen und Hasten durch die Kulissen. Seine paranoiden Visionen in diesem Labyrinth teilen sich uns zwingend mit. Wie er wissen wir bald nicht mehr, wo die Grenzen zwischen Realität, Bild und Trugbild liegen.

Eine Riesenüberraschung bietet der Schluss des Romans. Der darf natürlich bei einem Thriller nicht verraten werden. Chapeau, Frau Pessl. Allerdings bleibt einem, wenn man sich nach der Lektüre ihres Psychothrillers wieder aufgerappelt hat, der Eindruck, man habe eine wunderbar geölte, glitzernde, zweifellos effektvoll konstruierte Literaturmaschine besichtigt – die doch öfter mal virtuos leerläuft.

Marisha Pessl, Die amerikanische Nacht, S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, 790 S., Fr. 37.–

Marisha Pessl, Die amerikanische Nacht, S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, 790 S., Fr. 37.–