Der Fernseher im Herrgottswinkel

Die Utensilien für die letzte Ölung oder Haarkränze zum Totengedenken – viele der im Museum Appenzell gezeigten religiösen Alltagsgegenstände muten heute fremd an. Manche hingegen sind einfach nur «wunderschönprächtig».

Christina Genova
Drucken
Teilen
Der reich geschmückte Herrgottswinkel mit Kruzifix und Heiligenbildern – hier eine Inszenierung des Museums Appenzell – war einst zentraler Blickfang in jeder Innerrhoder Stube. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Der reich geschmückte Herrgottswinkel mit Kruzifix und Heiligenbildern – hier eine Inszenierung des Museums Appenzell – war einst zentraler Blickfang in jeder Innerrhoder Stube. (Bilder: Hanspeter Schiess)

APPENZELL. Wegwerfen, das geht gar nicht. «Die Leute kommen in Not, wenn wir die religiösen Objekte nicht annehmen», erzählt Birgit Langenegger, Kuratorin im Museum Appenzell. Aber behalten will man sie nicht, die Kruzifixe, Amulette oder Andachtsbildchen, die man ihr bringt. Die Inbrunst, mit welcher man noch bis vor ein, zwei Generationen an die Wunderkraft von Reliquien und die schützende Wirkung von Weihwasser glaubte, ist auch im einst tief katholischen Appenzell Innerrhoden grösstenteils abhanden gekommen. Doch eine besondere Aura haftet diesen Glaubenssachen des Alltags, die in der kürzlich eröffneten Ausstellung «wunderschönprächtig» zu sehen sind, immer noch an. Deshalb will man sie in guten Händen wissen.

Religion der Sinne

«Wunderschönprächtig», passender könnte der Titel dieser Ausstellung nicht sein. Denn überaus schön sind sie, diese materiellen Zeugen für gelebte Frömmigkeit. Die Volkskundlerin Nina Gockerell bezeichnet die Volksfrömmigkeit als eine «Religion der Sinne». Zwar ist das meiste, was glänzt, kein Gold, sondern Bauernsilber, also golden oder silbern beschichtetes Glas. Doch der Wille, den Glauben in besonders schönen und aufwendig gearbeiteten Dingen zum Ausdruck zu bringen, beeindruckt bis heute. Das böse Wort Kitsch kommt Birgit Langenegger nicht über die Lippen, sondern sie spricht bewusst von der «auffallend hohen ästhetischen Qualität der Objekte». Denn neben ihrer Funktion, religiöse Inhalte zu veranschaulichen, also das Unsichtbare sichtbar zu machen, waren Glaubensdinge immer auch dekorativer Hausschmuck.

Zentraler Blickfang in der bäuerlichen Stube war der reich geschmückte Herrgottswinkel mit dem Kruzifix in der Mitte, flankiert von religiösen Wandbildern. In der traditionellen Innerrhoder Stube befand er sich diagonal gegenüber dem Ofen. Heute steht dort, wo früher auch Wallfahrtsandenken, Trauerbildchen oder Heiligenfiguren Platz fanden, nicht selten der Fernseher. Denn ab den 1960er-Jahren zogen sich die Zeichen der Frömmigkeit zuerst aus der Stube ins Schlafzimmer zurück, um später fast vollständig zu verschwinden.

Andenken aus Haaren

Nicht alle religiösen Gegenstände waren von der Kirche abgesegnet und die Übergänge zu Aberglauben und Magie häufig fliessend. Sogenannte «Tüüfelsjageli» dienten dem Schutze von Kindern. In Appenzell Innerrhoden wurden sie häufig am Bettchen befestigt oder unters Kopfkissen gelegt. In die kleinen gepolsterten Stoffamulette in Herzform wurden zum Beispiel Partikel von gesegnetem Wachs, Segenssprüche oder Heiligenbildchen eingenäht. Der Inhalt musste jedoch geheim bleiben, weil sonst die Schutzwirkung verlorenging.

Die in Appenzell ausgestellten Objekte sind Relikte einer katholischen Lebenswelt, wo der Glauben von der Wiege bis zur Bahre Begleitung und Orientierung bot. Dabei spielten die Sakramente und die damit verbundenen Gegenstände eine wichtige Rolle. Besonders faszinierend sind in diesem Zusammenhang die Kastenbilder, die zum Andenken an die Hochzeit oder an einen Verstorbenen gestaltet wurden. Sie kamen ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf und verschwanden um 1920 wieder. Im Hochzeitskästchen wurde der Brautkranz ausgestellt und mit Goldbordüren, Schleifen und Segenswünschen angereichert. Für die Kastenbilder zum Totengedenken flocht man Kränze aus den Haaren des Sterbenden – er durfte noch nicht verstorben sein. Heute mutet es eher seltsam an, Haare als Erinnerung an einen geliebten Menschen aufzubewahren. Doch damals empfand man es als besonders persönliches und gefühlsbetontes Andenken.

Zu Hause sterben

Überhaupt gehören die mit dem Tod verbundenen Exponate zu den eindrücklichsten der Ausstellung. Sie veranschaulichen, wie sehr sich der Umgang mit dem Sterben und dem Tod in den letzten hundert Jahren gewandelt hat. Früher starb man meist zu Hause und der Priester kam vorbei, um das Sterbesakrament, die letzte Ölung, zu spenden. Dafür musste in jedem Haushalt eine Versehgarnitur vorhanden sein. Sie bestand aus einem Stehkreuz, zwei Kerzen, einem Weihwasserglas, einem Wasserglas, einer Schale mit fünf Wattekügelchen, einer Schale mit Salz und einem Handtuch. Bis in die 1960er-Jahre wurden die Toten in Appenzell Innerrhoden zu Hause aufgebahrt.

Zu den berührendsten Ausstellungsstücken gehört das Erinnerungsfoto eines liebevoll aufgebahrten Buben. Das Zimmer und das Totenbett sind reich geschmückt mit Blumen und Pflanzen. Und spätestens in diesem Moment kommt man zur Erkenntnis, dass es vielleicht doch kein Fortschritt war, das Sterben und den Tod ganz aus unserem Alltag zu verbannen.

Bis 25.5. Die Ausstellung wird ergänzt durch Arbeiten der zeitgenössischen Künstlerinnen Vera Marke, Margaretha Dubach und Marlies Pekarek.

Ein Wallfahrtsandenken aus Wachs. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein Wallfahrtsandenken aus Wachs. (Bild: Hanspeter Schiess)

Madonnen-Skulpturen aus Seife von Marlies Pekarek. (Bild: Hanspeter Schiess)

Madonnen-Skulpturen aus Seife von Marlies Pekarek. (Bild: Hanspeter Schiess)

Jesuskind aus Wachs, aus einem Frauenkloster. (Bild: Hanspeter Schiess)

Jesuskind aus Wachs, aus einem Frauenkloster. (Bild: Hanspeter Schiess)