Der ewige Outlaw und sein kurzer Kampf gegen den Krebs

Lemmy Kilmister, Frontmann der britischen Heavy-Metal-Band Motörhead, ist tot. An Heiligabend wurde der Musiker 70 Jahre alt. Eine letzte Begegnung mit der Rocklegende im vergangenen Herbst.

Olaf Neumann
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Picture by Edd Westmacott / Renta/Photoshot..Lemmy Kilmister, of Motorhead, pictured at the Roayl Garden Hotel, Kensington, London...20th June 2006..Exclusive, World Rights..*Unbylined uses will incur an additional discretionary fee!*. (KEYSTONE/PHOTOSHOT/Edd Westmacott) (Bild: EDD WESTMACOTT (PHOTOSHOT))

Picture by Edd Westmacott / Renta/Photoshot..Lemmy Kilmister, of Motorhead, pictured at the Roayl Garden Hotel, Kensington, London...20th June 2006..Exclusive, World Rights..*Unbylined uses will incur an additional discretionary fee!*. (KEYSTONE/PHOTOSHOT/Edd Westmacott) (Bild: EDD WESTMACOTT (PHOTOSHOT))

Die Begegnung im Herbst mit diesem Urvieh des Heavy Metal war eine Erfahrung der besonderen Art. Monströse Warzen, weisse Cowboystiefel, eisernes Wehrmachtskreuz – das sind die Markenzeichen des schönsten aller Scheusale: Ian Kilmister, besser bekannt als Lemmy.

Gute Erinnerungen an Jimi Hendrix

Geboren wurde Ian Fraser Kilmister am Heiligabend 1945 in Stock-on-Trent als Sohn eines Feldkaplans der Royal Air Force und einer Bibliothekarin. Mit 16 infiziert ihn der Rock 'n' Roll-Virus, und Lemmy zieht allein nach Manchester, wo er in verschiedenen Bands spielt. 1969 arbeitet er in London als Roadie für Gitarrengott Jimi Hendrix. «Jimi hat mir gezeigt, wie man auf der Bühne den wilden Mann rauslässt und sich nach der Show wie ein perfekter Gentleman benimmt», erinnert er sich an diese Zeit. «Ich habe ja schon ziemlich gute Manieren, aber im ganzen Rockzirkus ist mir nie wieder jemand begegnet, der solch einen freundlichen Umgang mit Menschen pflegte wie Hendrix.» Ein einziges Mal durfte Roadie Kilmister während einer Probe mit der Jimi Hendrix Experience jammen. Damals spielte er noch nicht Bass. «Ich war leider nur ein mittelmässiger Gitarrist. Gut, dass es von der Session keinen Mitschnitt gibt!»

Jährlich sieben Monate auf Tour

1970 steigt er als Bassist bei der legendären Space-Rock-Band Hawk-wind ein und nimmt mit ihr unter anderem den Hit «Silver Machine» auf. Bis zuletzt spielt er vorwiegend auf einem Rickenbacker-Bass, den er «Rickenbastard» nennt und wie eine E-Gitarre einsetzt. 1975 wird er gefeuert, nachdem er vom kanadischen Zoll wegen Drogenbesitzes festgenommen worden war. Sein letzter Song für Hawkwind heisst «Motörhead».

An das genaue Datum der Gründung von Motörhead im Sommer 1975 konnte Kilmister sich nicht mehr erinnern, weil vieles im Drogennebel entschwunden ist. Sicher ist, dass die Band von Anfang an als Bindeglied zwischen Punk und Heavy Metal fungiert. Aber die Vergangenheit spielt für ihn keine Rolle. Was zähle, sei, dass Motörhead noch immer wie ein Tritt in den Hintern wirke. Zwar war Lemmy dieses Jahr in Konzerten oftmals schlaff und musste dann von seinen Kollegen Phil Campbell und Micky Dee angetrieben werden; aber von Amtsmüdigkeit konnte bei ihm nicht die Rede sein. Motörhead tourten wie eh und je sieben Monate im Jahr.

«So gut wie nichts verdient»

Viel hat sich aus Lemmys Sicht nicht geändert, ausser dass sie eben alle älter geworden sind und er aus gesundheitlichen Gründen aufs Rauchen verzichtete und Wodka-Orange statt Whisky-Cola trank.

Für die Metallica-Coverversion «Whiplash» wird Motörhead 2005 mit einem Grammy Award in der Kategorie Best Metal Performance geehrt. 2013 folgt der prestigeträchtige Golden Gods Award. Ginge es nach Kilmister, müssten Metalbands viel öfter Preise bekommen. «In der ersten Hälfte meiner Karriere habe ich so gut wie nichts verdient», behauptete der Rockstar, der in Los Angeles lebte – ohne Green Card. «Aber Geld ist mir egal. Ich würde heute auch dann noch Musik machen, wenn ich arm geblieben wäre wie eine Kirchenmaus.»

Extrem gut oder extrem böse

Die Themen des Mannes mit der Totengräberstimme waren eisenhart, weil Lemmy über einen Humor verfügte, der so schwarz war wie der Dreck unter seinen Nägeln. «Mit meinen Texten gehe ich immer an die äusserste Grenze. Das sind alles Wortspiele, ich kann nur über extrem gute oder extrem böse Dinge schreiben. Die Leute wollten doch immer nur Katastrophen. Also sollten sie sie auch kriegen.»

Vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet, war Motörhead eine Kampfansage an die aktuelle «Superstar»-Welle. Der dunkle Ritter Lemmy Kilmister und seine Knappen Phil Campbell und Mikkey Dee erwiesen sich als würdige Vertreter des soliden englischen Heavy Rock. Ihr Sound ist fettiger als das Frühstück eines englischen Strassenarbeiters. Die hitzigen, ungestümen Vier-Minuten-Attacken kommen in einer aussergewöhnlichen stilistischen Bandbreite daher. «Wir bauen auf jeder Platte Überraschungen ein, nur merkte das meist keiner. Ich lese immer: Unsere Songs klingen alle gleich! Das ist lächerlich.»

Auftritt im Royal Opera House

Die Sex Pistols, Nirvana und sogar Metallica haben sich von Motörhead beeinflussen lassen. Dave Grohls Metalprojekt Probot mit Lemmy als Gastsänger ist eine Liebeserklärung des Foo-Fighters-Frontmanns an seinen persönlichen Helden. Superstar Grohl über seinen Kumpel: «Lemmy war einer der intelligentesten Menschen, die mir jemals begegnet sind. Superlustig, aber er hatte auch todernste Seiten. Zum Beispiel, wenn man mit ihm über Geschichte diskutierte.»

Rockgeschichte geschrieben haben Motörhead nicht nur mit der Hymne «Ace Of Spades», sondern auch mit zahlreichen denkwürdigen Auftritten. Am 22. Februar 2004 spielten sie zum Beispiel als erste Metalband im altehrwürdigen Royal Opera House in London. Und in Berlin schraubte Lemmy seit Jahren mit deutschen, englischen und amerikanischen Musikern an einem Soloalbum.

An Heiligabend wurde Kilmister 70; seiner Band zufolge erfuhr er am 26. Dezember von einer Erkrankung, kurz darauf starb er. Es sei ein «kurzer Kampf mit einem äusserst aggressiven Krebs» gewesen, teilte die Gruppe auf ihrer Facebook-Seite mit. «Wir können unseren Schock und unsere Traurigkeit nicht ausdrücken, es gibt keine Worte.»

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