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In der arschlochfreien Zone: Der dienstälteste Intendant in Zürich

Seit 15 Jahren leitet der Schauspieler und Regisseur Daniel Rohr das Theater Rigiblick in Zürich. Aus der verschlafenen Spielstätte machte er ein florierendes Theater. Sein Rezept: Geschichten, die berühren.
Julia Nehmiz
Daniel Rohr: «Theater darf Spass machen!» (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Daniel Rohr: «Theater darf Spass machen!» (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Man kann einfach so ins Theater hinein. Kein Pförtner, kein bewachter Bühneneingang – nur eine offene Tür. In der Bar im Erdgeschoss räumt eine Frau leere Flaschen beiseite, ja, Daniel Rohr sei wahrscheinlich oben in seinem Büro, sagt sie, man solle einfach mal schauen. «Kein Zutritt» steht auf der Tür neben der Damentoilette. Dahinter die Künstlergarderobe – und noch eine Tür. «Was trinkt Daniel am liebsten in seinem Büro? Leitungswasser», hat jemand darauf gekritzelt. Einen dunklen schmalen Treppenaufgang hinauf, und man steht direkt vor seinem Schreibtisch.

So offen wie sein Haus ist auch Daniel Rohr. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt, sein Haus ist so offen wie er selber. Seit 15 Jahren leitet der gebürtige Zürcher das Rigiblick – «mein Traumjob, mein Traumtheater, ich liebe es, ja ja ja!» – und ist damit dienstältester Intendant eines der grösseren Häuser in Zürich.

Während rings um Daniel Rohr die Intendanten wechseln – er bleibt. Vervierfachung der Zuschauerzahl, über 1000 Mitglieder mehr im Trägerverein, mehr Produktionen, Stars, die sich bei ihm die Klinke in die Hand geben. Wie macht er das?

Sein Theater läuft gut - zu gut

Daniel Rohr grinst und bietet erst mal einen Kaffee an. Er muss kurz durchschnaufen: Eben hat ihn ein Freund Text abgehört (Rohr lernt für «Tribute to Woodstock», wo er auf der Bühne stehen wird, am 22. Mai ist Premiere, und es ist jetzt schon ausverkauft), später hat er einen Akkupunkturtermin («das ist super gegen meine Migräne»), am Abend steht die zweite Hauptprobe an von «Amadeus», seiner Jubiläumsinszenierung – die schenkt er sich selber zum 15-Jährigen.

Szenenbild aus Daniel Rohrs Jubiläumsinszenierung «Amadeus». (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Szenenbild aus Daniel Rohrs Jubiläumsinszenierung «Amadeus». (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Ein ganz normaler Arbeitstag für Rohr, vollgepackt, atemlos. Trotzdem verströmt er gute Laune und Charme, ist für jeden und für jedes Anliegen da.

Sein Theater läuft gut, «zu gut», sagt Rohr. «Wir platzen aus allen Nähten.» Die Auslastung beträgt 87 Prozent. Das Schauspielhaus Zürich erreichte vergangene Saison 72 Prozent. Auf dem Spielplan viele Dauerbrenner: «To the Dark Side of the Moon» läuft seit neun Jahren, «Der Lachs der Weisheit» seit sechs, «Azzurro» seit zwölf. Immer ausverkauft. «Wir haben Zuschauer, die sich ‹Lachs der Weisheit› 35-mal angeschaut ­haben.»

Theater darf Spass machen!

Sein Erfolgsgeheimnis: Gastfreundschaft, Musiktheater, Geschichten erzählen, und zwar solche, die «die Leute verstehen und berühren». Es ärgert ihn, wenn seine Art, Theater zu machen, von der Kritik als Mainstream, brav, wohlmeinend abgetan wird.

«Das Feuilleton ist der deutschen Theatertradition verhaftet, wo man ins Theater geht, um zu leiden.»

Er hält sich an die angelsächsische Maxime: «Theater darf Spass machen!» Dem modernen Regietheater könne er wenig abgewinnen. Viele Theater würden sich nur mit sich selber beschäftigen anstatt mit dem Publikum.

Bei Daniel Rohr auf dem Programm: Abende, die Musik und Text verbinden; quer durch alle Stile, Pop, Rock, Schlager, Folk, Klassik. Er freut sich auf «Amadeus». «Wenn Mozart stirbt und die Musiker spielen das Lacrimosa, das ist so berührend, dass ich jedes Mal mit den Tränen kämpfen muss.»

Seine Vision: ein Theater der Freunde

Dass Daniel Rohr im Theater landete, ist Zufall. Als Vierjähriger wollte er Clown werden. Doch nach der Sek absolviert er eine Banklehre. «Vielleicht hat mir der Mut gefehlt.» Erst als er die Matura nachholt, als Statist im Schauspielhaus Zürich auf der Bühne steht und ihm der Intendant rät, diesen Weg einzuschlagen, wagt er sich zum Vorsprechen an eine Schauspielschule. Und wird gleich aufgenommen.

Es folgt eine typische Stadttheaterkarriere, Bonn, Mülheim, Göttingen, Neumarkt Zürich. Als dort das Engagement ­endet, ist die Leitungsstelle im Rigiblick ausgeschrieben. Rohr bekommt sie.

Daniel Rohr in «Der Lachs der Weisheit» am Rigiblick. (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Daniel Rohr in «Der Lachs der Weisheit» am Rigiblick. (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Seine Vision: ein Theater der Freunde. Dass er das so lange machen darf: ein Geschenk. «Ich bin an sieben Tagen in der Woche hier, und zwar sehr gerne», sagt er. Er liebe den Ort und die Menschen, die mit ihm arbeiten. «Hier ist eine arschlochfreie Zone.»

Was er sich für die nächsten 15 Jahre wünscht? «Ich weiss nicht, ob ich bis zur Rente hier bleibe», sagt der 58-Jährige. Er denke in Projekten, nicht in Jahren. Aber eine personelle Aufstockung im Büro wäre sein grösster Wunsch. Seine Tür wäre offen.

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