Der Erfolgreiche

Vom Thurgau in die Welt: So könnte man den Erfolg umschreiben, den der in Scherzingen geborene Autor Peter Stamm derzeit geniesst. Neuestes Beispiel: Zusammen mit neun Autoren aus aller Welt ist er für den Booker International Prize nominiert.

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Peter Stamm ist einer der zehn Nominierten für den berühmten Booker International Prize. (Bild: Keystone)

Peter Stamm ist einer der zehn Nominierten für den berühmten Booker International Prize. (Bild: Keystone)

Vom Thurgau in die Welt: So könnte man den Erfolg umschreiben, den der in Scherzingen geborene Autor Peter Stamm derzeit geniesst. Neuestes Beispiel: Zusammen mit neun Autoren aus aller Welt ist er für den Booker International Prize nominiert. Der Gewinner des mit umgerechnet fast 90 000 Franken dotierten Preises wird am 22. Mai bekanntgegeben.

Stamm steht damit in einer Reihe mit Marilynne Robinson und Lydia Davis aus den USA, Aharon Appelfeld aus Israel, Yan Lianke aus China, Intizar Husain aus Pakistan, Marie NDiaye aus Frankreich, U.T. Ananthamurthy aus Indien, Josip Novakovich aus Kanada und Vladimir Sorokin aus Russland.

Bescheidenheit trotz vieler Preise

Doch der schon mehrfach preisgekrönte Stamm ist bescheiden geblieben, wie seine Figuren. «Wenn du unsterblich werden willst, musst du dir einen Berühmteren suchen», sagt der junge Schweizer Autor zur Physikstudentin Agnes, die ihn in der Chicago Public Library gefragt hat: «Könntest du nicht eine Geschichte über mich schreiben?» Wer aus so einem Plot einen zutiefst bewegenden Roman zu schreiben vermag, kann kein Anfänger sein, und Stamm hatte denn auch eine vielfältige Berufs- und Schreiberfahrung hinter sich, als ihm 1998 der Erfolg mit «Agnes» gelang. Er war Buchhalter in Paris, studierte Anglistik und Psychologie, verfasste Satiren für den «Nebelspalter», redigierte eine Literaturzeitschrift und schrieb nicht weniger als vier unveröffentlichte Romane. Das Buch aber, das mit dem Satz «Agnes ist tot» anfängt, schlug in seiner Mischung aus traurigem Liebesroman und literarischem Vexierspiel so sehr ein, dass es auch vierzehn Jahre, drei Romane und vier Erzählbände später noch immer wie verrückt gelesen wird und vor allem in anglophonen Ländern derzeit extrem erfolgreich ist.

Dabei ist Stamm keineswegs ein Autor, dem der eigene Erstling zur Konkurrenz würde. Seine weiteren Romane halten nicht nur das Niveau des ersten, sondern zeigen auch eine Steigerung seines Könnens. So spiegelt «Ungefähre Landschaft» (2001) die melancholische Seelenstimmung einer Norwegerin in der nordischen Landschaft. «An einem Tag wie diesem» (2006) lässt einen nicht mehr ganz jungen Lehrer im Zeichen einer drohenden Krankheit abrupt von einem Leben Abschied nehmen, das letztlich nur aus Enttäuschung und Lügen bestand. «Sieben Jahre» (2009) stellt auf packende Weise einen Mann zwischen zwei Frauen und lässt ein fast magisches, unergründliches Gefühl für eine unansehnliche Person über die Liebe zu einer glanzvoll-schönen Rivalin triumphieren. Sein Bestes hat Stamm, der mit «Après Soleil» oder «Der Kuss des Kohaku» auch als Dramatiker in Erscheinung trat, in den bisher 42, auf vier Bände verteilten Erzählungen vorgelegt. Schon im Band «Blitzeis» bewies er 1999, wie er auf wenigen Seiten eine Szenerie zu evozieren vermag, die Stoff für ganze Romane bieten würde. Wie seine Erzählweise bei aller Nüchternheit sofort latente Spannung und ein erotisches Flair erzeugt, das einen bis zum letzten Satz bei der Stange hält. Und dies, obwohl Humor und Glücksmomente in seinen Texten selten sind und hinter allem als Motto ein Satz aus «Agnes» stehen könnte, der behauptete: «Glück macht keine guten Geschichten.»

Unerwartet humorvoller Mensch

Stamms neustes Werk hat er nicht selbst erfunden, sondern ist eine Neufassung des «Schweizerischen Robinson». Stamm, der mit seiner Familie in Winterthur lebt und von allen, die ihn kennen, als zurückhaltend, herzlich und humorvoll beschrieben wird, hat die Bearbeitung für seine beiden Buben geschrieben.

Charles Linsmayer

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