Der Erfinder des Gaskriegs

Heute vor hundert Jahren begann in Ypern der erste grosse Giftgasangriff der Geschichte. Der Kopf dahinter war der Chemiker Fritz Haber, dessen Frau sich kurz darauf das Leben nahm.

Rolf App
Drucken
Teilen
Fritz Haber (1868 bis 1934)

Fritz Haber (1868 bis 1934)

Das Echo ist verheerend, als 1919 bekannt wird, dass der deutsche Chemiker Fritz Haber den Nobelpreis bekommen soll. Er selber hat es kurz zuvor für undenkbar gehalten – und stattdessen mit seiner Verhaftung gerechnet. Denn der Vater des Giftgaskrieges hat gehört, die Siegermächte des Ersten Weltkriegs wollten ihn vor Gericht stellen. Haber hat sich und seine Familie deshalb in der Schweiz in Sicherheit gebracht.

Ob es die Verhaftungsliste der Alliierten tatsächlich gegeben hat, konnte auch Habers Biographin Margit Szöllösi-Janze nicht mehr eruieren. Obwohl sie sich in diesem und in vielen anderen Fällen sehr darum bemüht, Wahrheit von Legende zu trennen. Sie schont das Objekt ihrer Nachforschungen dabei nicht, auch wenn sie Fritz Haber auch aus seiner Zeit heraus zu verstehen sucht.

Kriegstreiber überall

In dieser Zeit sind Pazifisten wie Habers Kollege Albert Einstein dünn gesät. Weit verbreiteter ist jene Haltung, die sich am 4. Oktober 1914 in einem in allen grossen Tageszeitungen publizierten Aufruf von 92 namhaften Künstlern und Wissenschaftern äussert. Die Unterzeichner bestreiten jede Schuld, die deutsche Truppen bei der Eroberung des neutralen Belgien auf sich geladen haben, und halten den westlichen Alliierten vor, sie hetzten im Bündnis mit «russischen Horden Mongolen und Neger auf die weisse Rasse».

Haber ist zur Stelle

Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass führende deutsche Wissenschafter sich bedingungslos in den Dienst des Landes stellen, ja dass sie sich den Militärs oft geradezu aufdrängen. Als im Herbst 1914 die deutsche Westoffensive in den Gräben des Stellungskriegs erstarrt, sucht man nach Möglichkeiten, wieder die Initiative zurückzugewinnen. Fritz Haber ist zur Stelle. Er schlägt dem Generalstabschef Erich von Falkenhayn vor, chemische Waffen im Grabenkrieg zu prüfen, und findet unter den Fachkollegen zahlreiche Mitstreiter. Die Chemie ist eine aufstrebende Wissenschaft, jetzt können ihre führenden Vertreter beweisen, wozu sie im Dienst des Landes fähig ist. Die praktischen Hindernisse sind gross, das Misstrauen unter den Offizieren ausgeprägt. «Ich bin wütend über das Gas und seine Verwendung», schreibt etwa Generaloberst von Einem an seine Frau. «Wir verdanken die Einführung dieses so unritterlichen, nur von Schuften und Verbrechern sonst gebrauchten Mittels in die Kriegführung natürlich Falkenhayn.»

Die Frau begeht Selbstmord

Auch Falkenhayn allerdings muss von Haber zuerst so weit gebracht werden, dass er jenes Chlorgas auch einsetzt, das er zuvor in qualvollen Versuchen an Tieren ausprobiert hat. Am 22. April 1915 ist es so weit, beim belgischen Ypern werden die französischen Truppen eingenebelt. Wie viele Soldaten umkommen, ist unklar. Margit Szöllösi-Janze hält die kolportierte Zahl von 5000 Toten und 10 000 Verletzten für übertrieben. Aber Fritz Haber wird von nun an den Ruf nicht mehr los, der Vater des Giftgaskrieges zu sein. Als sich kurz darauf seine Frau das Leben nimmt, wird auch dies mit dem Gaskrieg in Verbindung gebracht. Zu Unrecht, wie Margit Szöllösi-Janze erklärt.

Zur Erholung in Mammern

Später widmet sich Haber der Schädlingsbekämpfung. In seinem Institut nimmt die Entwicklung von Zyklon B seinen Anfang, jenem Stoff, mit dem im Dritten Reich die Juden vergast werden. Fritz Haber, der selber Jude ist, erlebt das nicht mehr. 1933 verliert er alle seine Ämter, eine Reise ins Ausland muss er schwer krank in der Schweiz unterbrechen. Mehrere Monate verbringt er in Mammern am Bodensee zur Erholung, dann bricht er nach England auf. Und kehrt todkrank zurück. Am 29. Januar 1934 stirbt er in Basel.