Der einsame Wolf in der Hölle

Das Theater St. Gallen zeigt zum Saisonauftakt in der Lokremise Friedrich Dürrenmatts «Der Verdacht» als Albtraum-Szenario in einer Klinik. Es nimmt aber erst nach der Pause richtig Fahrt auf.

Valeria Heintges
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Der Kommissar und die Geliebte des Massenmörders: David Steck und Diana Dengler in «Der Verdacht». (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Kommissar und die Geliebte des Massenmörders: David Steck und Diana Dengler in «Der Verdacht». (Bild: Hanspeter Schiess)

Eine Situation wie aus einem Albtraum: Ein todkranker Patient liegt auf einer Bahre und muss feststellen, dass ihn sein Arzt nicht retten, sondern umbringen will. Der Arzt ist zudem einer der grössten Verbrecher unter der Sonne, einer, dem es Spass gemacht hat, Menschen ohne Narkose zu operieren – erst in einem KZ in Nazideutschland, dann in einer Klinik für Superreiche in Zürich.

Schreckenszene nach der Pause

Mit dieser Schreckensszene direkt nach der Pause nimmt die Inszenierung von Dürrenmatts Romans «Der Verdacht» in der St. Galler Lokremise, die am Mittwoch Premiere feierte, Fahrt auf. Vorbei die nahezu statische Spitalszenerie, in der sich Kommissar Bärlach von einer schweigsamen Krankenschwester drangsalieren lässt und mit Freund Hungertobel diskutiert. Die beiden entwickeln den Verdacht, dass der Arzt Nehle, der im KZ Stutthof Menschen folterte, identisch sein könnte mit dem berühmten Arzt Emmenberger, der auf dem Zürichberg eine Privatklinik betreibt. Dieser Anfang gerät Regisseurin Karoline Exner reichlich blutleer, erinnert mehr an ein Hörspiel als an ein Theaterwerk.

Dann begibt sich Bärlach in die Hölle des Dr. Emmenberger, und die Situation spitzt sich zu. Ohne jegliche Scham bestätigen die Mitarbeiter den Verdacht, den die St. Galler allerdings schon nach wenigen Minuten als Gewissheit spielen – da hätte man das Stück auch umbenennen können.

Kommissar überschätzt sich

Zwar ändert sich das Bühnenbild von Daniela Kerck nur wenig, dieselben milchigen Vorhänge, dieselbe klinische Reinheit. Nur aus den schäbigen Möbeln des Mehrbettzimmers im Salemspital in Bern werden in der edlen Zürcher Privatklinik grosse Einbettzimmer mit schnörkellosen Bahren und einem Designersessel für den Chefarzt. Dennoch ist schnell klar, dass Bärlach, der mutige, bärbeissige Kommissar – Typ «unbestechlicher, sturer, einsamer Wolf» – sich gnadenlos überschätzt hat.

Er ist schon der Insulinkur des Dr. Emmenberger nicht gewachsen. Er kann auch der schönen Geliebten Dr. Marlok nichts Substanzielles entgegensetzen. Und so gibt David Steck seinen Bärlach immer kränker, verzweifelter, verlorener. Und sein Spiel wird mit zunehmender Verzweiflung immer überzeugender. Und der Albtraum Privatklinik wird immer grässlicher: So ist Frau Dr. Marlok eine Jüdin, die ihre Rettung im KZ einst nur darin sah, die Geliebte des sadistischen Arztes zu werden. Und bis heute zu bleiben. Warum sie das allerdings tut, das erklärt Diana Dengler in einer allzu sterilen, allzu auswendig gelernten Rede, die nicht überzeugt. Sicher, Dürrenmatt schrieb ihr einen flüssigen, bestechenden Monolog, doch die funkelnden Worte bleiben bei Dengler kalt und leer wie ihr Arztbesteck. Auch ihre Morphiumsucht, die Dr. Emmenberger ausnutzt und als deren Opfer sie Dürrenmatt gnadenlos-schillernd beschreibt, bleibt in ihrem Spiel leere Behauptung.

Auftritt des Massenmörders

Und dann folgt der Auftritt des Obersadisten. Den gibt Christina Hettkamp aalglatt, ohne jeden Riss im narzisstischen Selbstbild, ohne den Hauch eines Zweifels. Aber auch ohne den im Text zutage tretenden Sadismus, und daher allzu einseitig. In einem ebenso glänzend geschriebenen Monolog verdammt Emmenberger emotionslos alle Werte, an denen das Abendland zu hängen meint. Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit werden in Bausch und Bogen verworfen, kalter Materialismus dient dem Massenmörder als Rechtfertigung für die eigenen Verbrechen. Bärlach hat dem nichts entgegenzusetzen, weder einen eigenen Glauben noch eine eigene Überzeugung. Und eben das, dieser ewige Zweifel des die Wahrheit Suchenden, macht ihn zutiefst menschlich.

Die Moral von der Geschicht

Schade, dass Exner mit überflüssigen Bärlach-im-Trenchcoat-Szenen die Zuschauer auf die Tradition ähnlicher Kommissartypen stossen und am Schluss sogar «die Moral von der Geschicht» auf den Vorhang schreiben musste. Wer eine solch anspruchsvolle Vorlage so gescheit kürzen kann, darf es auch dem Zuschauer überlassen zu entscheiden, was das Ganze ihm nun sagen möchte. Freundlicher Applaus vom Premierenpublikum.

10., 11., 15., 17.–19., 22., 24.–26., 27., 29., 30.9., Lokremise, 20 Uhr

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