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Eine Einladung, den Bildern zu misstrauen – Alex Hanimann im Kunstmuseum St.Gallen

Wie sind Geschichte und Zeit in Bildern und Skulpturen präsent? Es ist eine der Fragen, die Alex Hanimann in seiner Ausstellung «Same but Different» im Kunstmuseum St.Gallen umtreibt. Auch Spiegelungen interessierten den St.Galler Künstler sehr.
Christina Genova
Alex Hanimann in vierfacher Ausführung: Das Passfoto im Leuchtkasten wurde verdoppelt und gespiegelt. (Bild: Bilder: Sebastian Stadler)Alex Hanimann in vierfacher Ausführung: Das Passfoto im Leuchtkasten wurde verdoppelt und gespiegelt. (Bild: Bilder: Sebastian Stadler)
Studenten, eingescannt und umgesetzt als Aluskulpturen im Oberlichtsaal.Studenten, eingescannt und umgesetzt als Aluskulpturen im Oberlichtsaal.
Bilder einer Generation: Alex Hanimanns Rasterarbeiten.Bilder einer Generation: Alex Hanimanns Rasterarbeiten.
Hübsche Spielerei: 400 Variationen eine Velos.Hübsche Spielerei: 400 Variationen eine Velos.
4 Bilder

Der doppelte Hanimann

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Ana, Christoph, Romy, Reinhard und Shirin. Junge Menschen von heute in alltäglichen Posen. Sie stehen im Oberlichtsaal: cool, silbern glänzend, jeder für sich. Romy mit dem Smartphone beschäftigt, Shirin in die Ferne schauend, Christoph in Gedanken versunken, Ana mit den Händen hinter dem Kopf. Nur Reinhard, der die Betrachter mit geballter Faust direkt anschaut, ist doppelt vorhanden – einmal mit, einmal ohne Schuhe. Da ist es auch schon, das Thema der Spiegelung, das in Alex Hanimanns Ausstellung im Kunstmuseum St.Gallen immer wieder aufscheint. Der St.Galler Künstler zeigt ausschliesslich neue Arbeiten, obwohl eine Retrospektive bald 30 Jahre nach seiner letzten grossen Schau in St.Gallen durchaus Sinn gemacht hätte.

Reale Menschen waren Vorbild für die Skulpturen: Studenten der Zürcher Hochschule der Künste wurden mit dem 3D-Scanner erfasst und in der Kunstgiesserei St.Gallen in Alu gegossen. Doch es sind keine exakten Abbilder der Realität – alleine schon deswegen, weil der Scanner an so komplexen Dingen wie dem menschlichen Haar oder den Augen scheitert. Diese müssen digital nachgebaut werden. Ausserdem sind die Skulpturen um acht Prozent vergrössert.

Kunst ist immer Übersetzung, Interpretation.

«Same but Different», der Ausstellungstitel, umreisst das komplexe Verhältnis zwischen Abbild und Realität.

Eingefrorene Wirklichkeit

Die Skulpturen sind aber auch eingefrorene Wirklichkeit; im Moment als sie in Alu gegossen wurden, sind sie schon Geschichte, Zeugnisse ihrer Zeit. Die Widersprüchlichkeit, die in der Zeit stecke, habe ihn interessiert, sagt Hanimann:

«Man meint, man sei gegenwärtig, aber im Moment des Bewusstseins ist es schon vorbei.»

«Same but Different» lautet auch der Titel des Leuchtkastens mit dem verdoppelten und gespiegelten Passfoto des Künstlers, der im ersten Ausstellungsraum zu sehen ist. Es ist ein Raum der Möglichkeiten: Kleider, Schuhe und Accessoires sind auf Tischen und Stühlen ausgelegt, bereit, um vor den beiden Spiegeln anprobiert zu werden. Tatsächlich ist es eine Art Remake des Fotostudios, wo die Modelle für die Skulpturen diverse Posen ausprobierten. Einige der Kleider wurden von ihnen getragen. Es ist ein Ort ganz nahe am Arbeitsprozess: «Hinter jedem Bild gibt es eine Wirklichkeit», sagt Hanimann. Es geht aber auch um die Ambivalenz zwischen der Lust an der Selbstdarstellung und dem Zwang zur Perfektion, der vor allem in den sozialen Medien herrscht.

Wer bin ich wirklich? Was ist echt? Es ist eine Einladung, den Bildern zu misstrauen.

Bilder einer Generation

Wie sind Zeit und Geschichte in Bildern präsent? Eine Frage, die sich in dieser Ausstellung immer wieder stellt, besonders aber in den grossformatigen Rasterarbeiten, die auf Zeitungsfotos aus dem grossen Bilderarchiv Alex Hanimanns basieren. Sie reflektieren Ereignisse aus seiner Jugend, die ihm unvergesslich geblieben sind. Es sind die Bilder seiner Generation: der Vietnamkrieg, das Fernsehduell zwischen Kennedy und Nixon, der RAF-Mord am Generalbundesanwalt Siegfried Buback.

Fasziniert waren damals viele Jugendliche von der Esoterik, insbesondere vom Sektenführer Bhagwan. In zwei Leuchtkästen sind seine tanzenden Anhänger zu sehen. Alex Hanimann hat die Bilder verfremdet, indem er in das eine einen zusätzlichen Lichtpunkt gesetzt und das andere als Negativ verwendet hat.

Weniger überzeugen die Arbeiten in den letzten beiden Räumen: Die Videoarbeit «Catch The Day» entstand 2015 im Londoner Victoria Park.

Der Künstler filmte mit dem Mobiltelefon, während er mit dem Velo durch den Park kurvte.

Der Schwarz-Weiss-Film wird in einem Loop gezeigt und ist mit Musik aus Mendelssohns «Lieder ohne Worte» unterlegt. Viel mehr als schöne Bilder und schöne Musik ist das nicht. Auch Hanimanns Velo erhält seinen Auftritt: Auf einer Videowand sind 400 Variationen davon zu sehen – eine hübsche Spielerei. «Bethnal Green» ein weiteres Video, das in London entstanden ist, zeigt, wie Buben einer pakistanischen Schule auf dem Pausenhof Fussball spielen. Dies hat nicht viel mehr als dokumentarischen Charakter.

Eine Spiegelwand schliesst die Ausstellung ab und bezieht sich auf ihren Anfang: «I am your mirror» steht im Treppenaufgang als Neonschrift. Ein Hinweis auf die Aufgabe, des Künstlers, die Wirklichkeit zu reflektieren.

Bis 1.9., Publikation «Etwas fehlt» zur Ausstellung in der Edition Patrick Frey.

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