Drei Uraufführungen in Kreuzlingen: Der Dirigent mit dem Kaffeelöffel

Gleich drei Uraufführungen hielt in Kreuzlingen das Orchesterkonzert mit dem Orchestre de Chambre de Toulouse parat. Die Zuhörer des ersten Abo-Konzerts der GML Kreuzlingen erlebten einen farbigen Abend. Teilweise kamen die kompositorischen Ideen aber nicht auf den Punkt und wirkten langatmig.

Martin Preisser
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«Fusion» hiess Gilles Colliards spannende Komposition, die den Abend der Gesellschaft für Musik und Literatur GML (in Zusammenarbeit mit Wolfsberg Classics) am Montag eröffnete.

Colliard ist Geiger, Dirigent und Komponist. Der gebürtige Genfer lebt seit langem in Frankreich und leitet das Orchestre de Chambre de Toulouse. An ein Wasserglas, den Grundklang von «Fusion», schlug der Komponist, mit dem Kaffeelöffel auch die elf versierten Streicher aus Toulouse dirigierend.

Das Werk thematisiert eine eindringliche Annäherung an Klang und an Auflösung von Klang, es bewegt Grundklänge in verschiedene Richtungen. Die teils auch sphärisch klingende Musik widmet sich auch dem Thema, wie man sich mit Tönen und Tontrauben an Festes annähern, das Feste aber immer auch wieder verlieren kann. Ein Stück voll akustisch reizvoller Einfälle, das aber zu keinem klaren, zielstrebigen Ende fand.

Gestrafftere Musik könnte mehr überzeugen

Auch bei Gilles Colliards «Agnus Dei» erlebte man die häufige Tendenz, dass zeitgenössische Komponisten ihre Ideen nicht straffen, sondern einen Gedanken nach dem anderen präsentieren. Man versteht das Unbehagen, eigene Musik zu kürzen. Aber gestrafftere Gedanken könnten die Überzeugungskraft von Musik deutlich erhöhen.

Colliard lässt sein «Agnus Dei», das er extra für dieses Konzert komponiert hat, viel zu lange fliessen. Es beginnt ein wenig wie Arvo Pärt und reiht dann verschiedene Stilmittel aneinander. Die Sopranistin Elise Efremov überzeugte mit stimmkräftig-klagendem Klang. Für die Thurgauer Musiker Hana Gubenko (Viola) und Timon Altwegg (Klavier), der schon lange mit Gilles Colliard zusammenarbeitet und mit ihm CDs realisiert hat, steuerte der Komponist einige solistische Passagen und eine Fuge bei.

Solopart mit nur verhaltenem Schwung

Extra für Hana Gubenko hat der Argentinier Rodrigo Ratier (im Konzert anwesend) vier Sätze für Viola und Streichorchester, «Cuatro Viñetas Tangueras», komponiert. Das ist fantasievolle südamerikanische Musik mit vielen Einfällen und variantenreichen Tango-Farben. Die Bratscherin spielte das ebenfalls recht opulente Werk allerdings mit eher wenig solistischem Zugriff, manchmal mit nur verhaltenem Schwung. Der Soloklang wurde daher oft vom Orchester neutralisiert. Trotzdem: Hana Gubenko ist eine versierte Bratscherin, mit ausgereifter Technik und warmen Grundklang.

Sie und Timon Altwegg (die beiden sind auch privat ein Paar) haben das Engagement für Musik unserer Zeit für sich als Marktlücke entdeckt. Der Kreuzlinger Pianist gräbt immer wieder unbekannte Musik jenseits avantgardistischer Strömungen aus. Mit dem schweizerisch-amerikanischen Komponisten Frank Ezra Levy hat er einen interessanten Tonsetzer aufgespürt, der auch als Gast seiner Uraufführung vorgesehen war, letztes Jahr aber 87-jährig verstarb.

Levys interessantes, fein geschnittenes Klavierkonzert Nr. 6 mit Pauken (Klaus Huber) fiel an diesem langen Uraufführungsabend in der PMS Kreuzlingen als einziges Werk durch straffe, klare Strukturen auf. Levy ist ein Komponist, der seine neoklassizistischen Ideen knapp, holzschnittartig und im Finale mit düster vorwärtsdrängender Motorik fasst. Timon Altwegg erwies sich hierbei als genauer Gestalter, emotional nie überbordend, aber die Strukturen plastisch darlegend.