Der die Dinge ins Licht rückt

Er hat Leporellos gemacht und Sonnenbelichtungen, Dinge erkundet und aus Wörtern Bilder gemacht: Der Fotograf Rudolf Lichtsteiner. Die Fotostiftung Schweiz zeigt in der ersten grossen Retrospektive seinen vielfältigen Kosmos.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
«Das Zimmer ist für mich ein Beobachtungsposten für die Welt» – Der Ort ist das Ereignis No. 4, 2007. (Bild: Rudolf Lichtsteiner/Fotostiftung Schweiz)

«Das Zimmer ist für mich ein Beobachtungsposten für die Welt» – Der Ort ist das Ereignis No. 4, 2007. (Bild: Rudolf Lichtsteiner/Fotostiftung Schweiz)

WINTERTHUR. Hier balanciert in einem alten Raum ein alter Tisch auf einem winzigen Ball auf einem billigen Möbel; da steht ein Tisch mit jedem Bein auf einem Porzellanteller, obendrauf liegt eine Porzellanschale – zwei der «Tischgeschichten» des Fotografen Rudolf Lichtsteiner. Das sieht witzig aus, ist aber ernst gemeint. Denn indem er alltägliche Gegenstände wie Tische, Bäume oder Sandalen aus ihrem gewohnten Zusammenhang holt und in neuen, ungewohnten Konstellationen arrangiert, konzentriert er sich auf ihre Eigenheit. «Ich möchte die Seh-Gewohnheiten durchbrechen, im Erwarteten das Unerwartete wahrnehmbar machen», hat er 1975 formuliert, als er längst mit der seit den Dreissigern vorherrschenden dokumentarischen Tradition gebrochen hatte.

Unterschiedliche Konzepte

Rudolf Lichtsteiner geht den Dingen auf den Grund. «Zum Stand der Dinge» heisst denn auch die umfassende Retrospektive, die die Fotostiftung Schweiz dem 1938 in Winterthur geborenen Fotografen ausrichtet. Vor drei Jahren hat er ihr sein Gesamtwerk anvertraut, Marina Bergholz schrieb über ihn ihre Masterarbeit. Sie zeigt als Co-Kuratorin in einzelnen Werkgruppen einen heterogenen Kosmos aus unterschiedlichen Bildkonzepten, die Lichtsteiner entwickelt – und durchgehalten hat.

Leporellos erstmals ausgestellt

Lichtsteiner mochte Leporellos – sie sind erstmals zu sehen in dieser Ausstellung. Am Anfang und am Ende der Ausstellung bilden sie eine wunderbare Klammer um sein Œuvre: der eine Leporello vereint Aufnahmen von seiner Prag-Reise 1966 (auf der er Josef Sudek kennenlernte); auf dem andern sind, je nach Blickrichtung, die Wörter Prolog und Epilog zu lesen. Das Wort! Die Wortbilder sind ebenso ernste wie ironische Bekenntnisse. Rudolf Lichtsteiner war mit Schrift und Bild vertraut, der gelernte Retuscheur hatte als Werbefotograf begonnen. Lichtsteiner hat viel über seine Arbeit geschrieben. In den 90er-Jahren erstellte er Textbilder, deren Titel Programm waren: «Fotografie ist so schwierig, weil sie so einfach ist.» Oder: «Dass die Dinge so aussehen, wie sie aussehen, ist kein Beweis, dass sie so sind.» Oder: «Gerade wie die Dinge in sich ruhen, bewegen sie unsere Phantasie.»

Phantasie! Sie hat Rudolf Lichtsteiner, der stark vom Surrealismus inspiriert war, stets angetrieben, wenn er im Atelier wie auf einer Bühne Analogien zwischen scheinbar unvereinbaren Gegenständen herstellte. Sie hat zwischen der Poesie und dem Absurden vermittelt, hat ihn das Gleichgewicht finden lassen als Rückgrat seines Bildschaffens. Auch wenn er oft den rechten Winkel aushebelte und vom Betrachter «Augenakrobatik» verlangte, etwa im Leporello «Schaukelwaage».

Holzfurnier belichtet

Das Licht! Im Zyklus «Sukzessionen» untersuchte er das Licht als Essenz der Fotografie. Mit Mehrfachbelichtungen, die wie abstrakte Gemälde anmuten. Oder mit den «Sonnenbelichtungen». Für die frühesten legte Lichtsteiner einen Schriftzug auf Ahornfurnier und setzte ihn über Monate der Sonne aus, bis ein zartes Positiv auf der Holzoberfläche entstand.

Die Ausstellung ergänzt eine Publikation mit Bildern und Essays. Und in der Passage sind Fotografien der Frauenfelder Fotografin Simone Kappeler zu sehen – sie war Schülerin Rudolf Lichtsteiners, als er an der Schule für Gestaltung in Zürich lehrte.

Rudolf Lichtsteiner: Zum Stand der Dinge, Fotostiftung Schweiz, Grüzenstr. 45, Winterthur; bis 14.2.