Der Dichter als armer Held

Edition Zehn Jahre nach seinem Tod erinnern eine Ausstellung und sechs Werkhefte an den Autor Peter Morger.

Peter Surber
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«Wir wollten doch ein Leben, das tausendmal schöner, zärtlicher, mutiger ist» – Peter Morger, Autor, Journalist, Fotograf (1955–2002). (Bilder: Appenzeller Verlag)

«Wir wollten doch ein Leben, das tausendmal schöner, zärtlicher, mutiger ist» – Peter Morger, Autor, Journalist, Fotograf (1955–2002). (Bilder: Appenzeller Verlag)

Das letzte Wort im letzten, sechsten Heft der «Sichtung eines literarischen Werkes» hat Peter Morger mit dem Gedicht «Ein Tag wird kommen» von 1986. Es schliesst mit den Zeilen: «Ihr Gespenster des / Alptraums / gesellt euch zu uns / zu den Schafen / zu den starken Kämpfern / des Glücks.» Ungewöhnliche Töne aus der Schreibmaschine des unglücklichen Kämpfers Peter Morger, der sich an seinem 47. Geburtstag, am 12. Februar 2002, das Leben genommen hat, vor dem «jüngsten und schönsten Tag».

Reportagen, Bildkunst, Briefe

Dass Morger nicht vergessen gehe: Dafür immerhin scheint gesorgt mit der von Rainer Stöckli seit drei Jahren aus dem Nachlass erarbeiteten, im Appenzeller Verlag publizierten Morger-Reihe. Heft 6 erinnert zum Abschluss an den Journalisten mo., tätig für die Appenzeller Zeitung und andere. Als «Bärendienste an jeder Hundsvelochete» hat er seine Arbeit selber ironisiert, daneben aber grosse Porträts, «Begegnungen» oder Fotoreportagen in Magazinqualität publizieren können: «Schwarz-Weiss-Bildkunst, wie sie unterdessen rar geworden ist», urteilt der Herausgeber.

Zudem bringt das Heft weitere Gedichte von Morger sowie einen Blick auf den Briefschreiber oder «Epistolar». Der wendet sich zum Beispiel fiktiv an den verehrten Robert Walser, aber real auch, in den verdüsterten letzten Lebensjahren, mit einem Rundbrief «an die Freunde»: «Die Frage wäre noch: wie kann ein Au Tor, der so <lustige> Gedichte schreibt (besser schrieb, Anno Tuback…), fast zwei Jahre in einer Hail- & Pflege-Anstalt verschwinden?»

Das Schlussheft der jetzt vollständigen (auch im Schuber erhältlichen) Morger-Edition zeigt noch einmal die Talente Morgers auf, hebt die Anerkennung hervor, die er durchaus erhalten habe, aber zugleich seinen frühen Hang zur «Vernichtigung» der eigenen Arbeiten. Wie vielfältig und genreübergreifend dieses Werk war, dokumentiert auch die Ausstellung im Museum für Lebensgeschichten in Speicher mit dem Titel «Ich baue mir meine eigenen Regeln».

Dadaistischer Photo-Graphiker

Aufsehenerregend sind hier Morgers Fotos. «Chemisch-alchemistisch», wie er es selber nannte, hat er seine Aufnahmen im Labor traktiert und verfremdet zu surrealen, farbintensiven, traumartigen Überblendungen. Daneben findet man konventionellere, ausdrucksstarke Fotos, etwa das Appenzeller «Eisland» oder einen Schnappschuss «Bernbiet im Rückspiegel». Beredte Zeugnisse aus Morgers «Phant-Asien» sind schliesslich die Collagen, aus Fotos, Text und sonstigem Material in Dada-Manier zusammengefügt. So steht unter einer Baumfotografie von 1979: «Aus Bäumen baut man Häuser, Schiffe, ganze Städte. Holzfäller ziehen aus, mit Scheichen wie Eichen. Sie haben Wurzelhaar und Tiergesichter.»

«Der Dichter ist ein armer Held», schreibt Morger bereits 1977. Dass er damit nicht allein ist, macht die Begleitpublikation zur Ausstellung deutlich. Sie erinnert an vergleichbar «vom Karren gefallene» Autoren, den Österreicher Franz Innerhofer oder die Schweizerin Aglaja Veteranyi, beide fast zur selben Zeit wie Morger aus dem Leben geschieden. Abgestürzt wie der Ikarus, das Emblem auf Peter Morgers Briefkopf.

Peter Morger: Es gibt keine Illusion, die ich nicht habe. Appenzeller Verlag 2012, Fr. 22.–. Präsentation an der Büchernacht, heute Fr ab 19 Uhr, Alte Stuhlfabrik Herisau. Ausstellung in Speicher bis 31.8.